Neues über die Beziehung zwischen dem Neandertaler und dem anatomisch modernem Menschen

Abb. 1: Die Höhle Kebara in Israel,in welcher Neadertaler gefunden wurden. Weniger Kilometer südlich davon liegen die Qafzeh-Höhlen, in welchen Fossilien von Homo sapiens entdeckt wurden.
Relativ einig scheint man sich inzwischen darüber, daß der Neandertaler alle typischen menschlichen Eigenschaften besaß, bis dahin, daß religiöse und altruistische Aspekte diskutiert werden. So soll ein zahnloser Kiefer (200 000 rJ) demonstrieren, daß alte Individuen nach Verlust ihrer Zähne nicht einfach dem Tod preisgegeben, sondern durchgefüttert worden seien (LEBEL et.al. 2001).
Viel umstritten dagegen ist die Frage, ob der Neandertaler eine andere Art war, und ob sie mit dem anatomischen Menschen Hybride bildeten oder nicht.
Drei konkurrierende Hypothesen zur Entstehung des modernen Menschen bewerten mögliche Hybridmerkmale von Neanderthalern und anatomisch modernen Menschen entsprechend ihren Grundannahmen: Die „Out-of Africa“-Hypothese sieht in den beiden menschlichen Formen zwei getrennte Arten, die nicht oder nur minimal miteinander hybridisierten, während die Multiregionalisten (viele Ursprungsorte) ein genetisches Kontinuum zwischen verschiedenen Arten der Gattung Homo sehen und Kreuzungen sogar erwarten. Nach der Grundtypenhypothese, die generell Kreuzungen zwischen Arten aus demselben Grundtyp, nicht jedoch zwischen Arten verschiedener Grundtypen erlaubt, ist Hybridisierung zwischen Neandertaler und anatomisch modernen Menschen möglich.
Der Multiregionalist Andrew KRAMER aus Tennessee deutet die Ergebnisse seiner Schädelvergleiche bei Neandertalern und modernen Menschen des Nahen Ostens als Folge von Hybridisierung. Die beiden Formen lebten vor ungefähr 90.000 rJ Seite an Seite (vgl. Abb. 1). Während man die beiden Formen aus Westeuropa anhand dieser 12 ausgewählten Merkmale gut unterscheiden kann, zeigten die beiden Menschengruppen des Nahen Ostens ein Kontinuum ohne diese klare Unterscheidung. Die genetische Vermischung im Nahen Osten sei Folge der vielen Wanderungswellen, die auf dem Weg nach und von Afrika die Levante (heute Israel und angrenzende Staaten) überfluteten.
PONCE DE LÉON und ZOLLIKOFER, zwei Forscher aus Zürich, sehen dagegen an kindlichen Schädeln beider Formen so große Unterschiede, daß sie von zwei verschiedenen Spezies ausgehen und eine Hybridisierung eher für unwahrscheinlich halten.
Mit der Frage, ob Hybridisierung stattgefunden hat oder nicht, ist auch die Frage des weiteren Schicksals des Neandertalers verbunden. KRAMER glaubt, daß der Neandertaler nicht einfach verdrängt wurde, und einfach ohne Einfluß auf nachfolgende Formen um 25.000 rJ von der Bildfläche verschwand, sondern im genetischen Bestand des anatomisch modernen Menschen aufging. Andere dagegen halten minimale, aber signifikante Anpassungsunterschiede der beiden Arten als Grund für das Aussterben. So hält Wesley NIEWOEHNER (University of New Mexico in Albuquerque) den Neandertaler aufgrund seiner anscheinend etwas geringeren Fingerfertigkeit für unterlegen (vgl. Abb. 2). Er fand bei frühen anatomisch modernen Menschen von Skhul und Qafzeh aus Israel eine bessere Anpassung an die Feinmotorik, während die Hände der Neandertaler muskulärer gewesen seien. Doch selbst eine hochkarätige Konferenz in Gibraltar (siehe BALTER 2001), die ausschließlich dieser Frage gewidmet war, konnte keine Einigkeit erzielen, welche und ob überhaupt Anpassungsdiffe-renz(en) zum Aussterben geführt haben.

Abb. 2: Die Herstellung von Replikas von Homo sapiens- und Neandertaler-Werkzeugen durch Dodi Ben-Amin. Die Werkzeuge belegen die Geschicklichkeit beider Menschenformen.
Diese Datenbasis, die vor dem Hintergrund der beiden genannten Hypothesen zu widersprüchlichen Schlußfolgerungen führt, läßt sich auf dem Hintergrund der dritten Hypothese durchaus vereinen: Laut Grundtypenvorstellung waren beide Menschenformen zwei getrennte Arten, die zum Grundtyp Homo gehören und an einigen geographischen Orten (z.B. im Nahen Osten, Portugal und am Balkan) bei günstiger Gelegenheit Hybride bilden konnten. Aufgrund des mit der Zeit sich reduzierenden Polyvalenz der Grundtypen ist es zwar möglich, daß auch in heutigen menschlichen Populationen Neandertal-Allele zu finden sind. Sie könnten aber genauso gut der genetischen Drift zum Opfer gefallen sein – wie andere Vorfahrengene ebenfalls.
[BALTER M (2001) What – or who – did in the Neanderthals? Science 293, 1980-1981; KRAMER A, CRUMMETT TL & WOLPOFF MH (2001) Out of Africa and into the Levant: replacement or admixture in Western Asia? Quaternary International 75, 51-63; LEBEL S, TRINKAUS E, FAURE M, FERNANDEZ P, GUERIN C, RICHTER D, MERCIER N, VALLADAS H, AND WAGNER GA (2001) Comparative morphology and paleobiology of Middle Pleistocene human remains from the Bau de l’Aubesier, Vaucluse, France. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 98, 11097-11102; NIEWOEHNER WA (2001) Behavioral inferences from the Skhul/Qafzeh early modern human hand remains. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 98, 2979-2984; PONCE DE LEON MS & ZOLLIKOFER CP (2001) Neanderthal cranial ontogeny and its implications for late hominid diversity. Nature 412, 534-538.]
SHS