Anpassungsfähige Zugvögel – Selektion auf Flexibilität?

Um lange Flugreisen erfolgreich bestreiten zu können, benötigen Flugvögel faszinierende Fähigkeiten. Auf dem Flug müsssen sie möglichst sparsam mit der chemisch gespeicherten Energie haushalten. Auf Zwischenstationen gilt es dann möglichst schnell neue Fettreserven anzulegen. In sehr kurzer Zeit muß der Körper daher sehr verschiedene Strategien verfolgen, was eine enorme Flexibilität erfordert: Die „Flugmaschine“ muß schnell in eine „Freßmaschine“ umgerüstet werden und umgekehrt.

Schon länger war vermutet worden, daß Organe, die für den Flug nicht benötigt werden, auf ein Minimum zurückgebildet werden. Diese Veränderungen untersuchten die Ornithologen Åke LINDSTRÖM, Marcel KLAASSEN und Anders KVIST von der Universität Lund mit einem Simulationsexperiment: sie simulierten einen 6300 Kilometer langen, in Etappen aufgeteilten Flug eines Sprossers (Luscinia luscinia) im Windkanal – ein solcher Versuch war zuvor noch nicht durchgeführt worden. Während der Rastzeiten wurden Nahrungsverhalten, Stoffwechsel und Organveränderungen untersucht. Es stellte sich heraus, daß der Vogel trotz sofortiger Nahrungsaufnahme in den Rastzeiten erst am zweiten Ruhetag seine Fettdepots auffüllte. Dies dürfte damit zusammenhängen, daß sich erst ab dem zweiten Tag Magen, Darm und Flugmuskeln wieder vergrößerten. Der Zeitraum des vorherigen Abbaus der Verdauungsorgane konnte jedoch noch nicht ermittelt werden.

Es stellt sich angesichts solcher Flexibilität die Frage, wie sie entstanden sein kann. LINDSTRÖM et al. (1999, 352) sprechen davon, daß natürliche Selektion eine solche phänotypische Flexibilität begünstigt habe. Allerdings machen sie dazu keine näheren Angaben, weder über die Anzahl der dazu benötigen Mutationen noch wie die kurzfristige Abfolge der gegensätzlichen Veränderungen des Magens und der Flugmuskulatur erreicht worden sein könnte.

[LINDSTRÖM A, KLAASSEN M & KVIST A (1999) Variation in energy intake and basal metabolic rate of a bird migrating in a wind tunnel. Functional Ecology 13, 352-359. ]

RJ