Moderne Merkmale bei Homo erectus

Ein möglicherweise knapp 1 Millionen radiometrische Jahre alter Schädel (Sm3) von Sambungmacan (Java) zeigt eine Mischung aus Merkmalen, die bei bisher nur bei phylogenetisch und zeitlich weit auseinanderliegenden menschlichen Formen bekannt waren. Er besitzt mittelmäßig kräftige Überaugenwülste wie Homo erectus und ein erectus-ähnliches Gehirnvolumen, während ihm einige der für erectus typischen und diagnostisch wichtigen Merkmale fehlen (z.B. die Rinne hinter dem Überaugenwulst). Dagegen besitzt er eine höhere und vertikalere Stirn, einen runderen aufgewölbten Schädel und ein weniger stark geknicktes Hinterhaupt, was untypisch für Homo erectus ist, und eher vergleichbar mit dem nach Evolutionsvorstellungen sehr viel später lebenden Homo sapiens. In vielen anderen Merkmalen ist er intermediär zwischen Homo erectus- und späteren archaischen und modernen Homo sapiens-Formen.

Auch sein Gehirn erscheint erstaunlich weit fortgeschritten, unter anderem sichtbar in einer stark ausgeprägten Assymetrie der Broca’schen Kappe. Der Stirnlappen ist viel runder und kürzer im Vergleich zum flachen und verlängerten Stirnlappen aller anderen Javanesichen Homo erectus-Formen. Ungewöhnlich ist zudem, wie weit hinten die Fläche mit der größten Gehirnbreite liegt. Dieser ungewöhnliche Schädel wurde schon 1977 gefunden und hat nach seiner Entdeckung eine Odyssee (illegale Grabung, 1998 Entfernung aus Indonesien und 1999 Wiederentdeckung in einem Naturhistorischen Vertrieb) hinter sich.

Zwei Artikel, die sich mit dem Fund befassen, enden mit bemerkenswerten Schlußfolgerungen: „Auch wenn die auffallend modern anmutenden Merkmale ... nicht unbedingt auf eine bestimmte Vorfahrenschaft hinweisen muß [gemeint ist ein sapiens-ähnlicher Vorfahre, Anm.], müssen wir dennoch eine neue Dimension in der außerordentlichen Variabilität der indonesischen Homo erectus anerkennen“ (BROADFIELD et al. 2001). „Es ist noch nicht möglich festzustellen, ob diese Ähnlichkeit [mit sapiens, Anm.] eine evolutionäre Verwandtschaft nahelegt oder – was wahrscheinlicher ist – individuelle oder lokale Populations-Variabilität darstellt“ (DELSON et al. (2001).

Ein sapiens-ähnlicher Vorfahre ist evolutionstheoretisch natürlich nicht diskutabel, da H. sapiens nach dieser Sicht erst viel später entstand. Interessant sind daher die Versuche, die sapiens-Merkmale als Variabilität zu verstehen: dies entspricht ziemlich genau der Erklärung des Grundtypmodells: der polyvalente Typus Homo entfaltet an unterschiedlichen Orten und Zeiten seine morphologische Vielfalt, manchmal auf unerwartete Weise. Man geht nicht von linear sich verändernden Morphologien aus, sondern erwartet radiärsymmetrische und auch sprunghafte Veränderung des Grundtyps Mensch in Raum und Zeit.

[BROADFIELD DC, HOLLOWAY RL, et al. (2001. Endocast of Sambungmacan 3 (Sm 3): a new Homo erectus from Indonesia. Anat Rec 262, 369-379; DELSON E, HARVATI K, et al. (2001) The Sambungmacan 3 Homo erectus calvaria: a comparative morphometric and morphological analysis. Anat. Rec. 262, 380-397; MARQUEZ S, MOWBRAY K, et al. (2001) New fossil hominid calvaria from Indonesia—Sambungmacan 3. Anat. Rec. 262, 344-368.]

SHS