Die Herkunft des Namens „Palästina“
Der Name „Palästina“ ist eine Abkürzung von „Palaistinae Syria“, was in der Spätantike „Syrien der Philister“ bedeutete. Der römische Kaiser Hadrian hatte Judäa nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes so umbenannt. Philologisch wird Palästina im Anschluß an den spätjüdischen Geschichtsschreiber Josephus auf „Peleschet“, der Bezeichnung für die Philister im hebräischen Alten Testament zurückgeführt. Soweit die konventionelle Sichtweise.
David JACOBSON von der Universität London stellt dem seit kurzem eine alternative Erklärung entgegen, die er sowohl auf historisch-geographische als auch auf philologische Argumente stützt. Zunächst fällt auf, daß die antiken Geographen und Geschichtsschreiber Herodot, Aristoteles, Philo von Alexandrien u.a.m. die Bezeichnung auf das ganze Gebiet des heutigen Israel anwendeten und nicht nur auf den Küstenstreifen, den die Philister bewohnten, bevor sich ihre geschichtliche Spur im späten siebten Jahrhundert v.Chr. verliert. Dabei darf man den alten Gelehrten einiges an Detailkenntnis zugestehen. So weiß beispielsweise Herodot, der in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts v.Chr. schrieb, von der Vernichtung des assyrischen Heeres König Sanheribs durch göttliches Eingreifen, wohl eine Bezugnahme auf die in 2. Könige 19, 35-36 geschilderten Ereignisse im Zusammenhang mit der vergeblichen Belagerung Jerusalems zweieinhalb Jahrhunderte zuvor. Die Ausdehnung des Landes Palästina entsprach für ihn dem Siedlungsraum des beschnittenen Volkes. Die Philister waren jedoch eindeutig nicht beschnitten.
Bezog sich der Name Palästina aber auf Israel und nicht auf das Gebiet der Philister, wie ist dann die erwähnte klangliche Ähnlichkeit zu erklären? JACOBSON wartet hier mit einer verblüffenden Erklärung auf. Das griechische „Palestine“ weist eine starke Ähnlichkeit mit „palaistes“, dem griechischen Wort für „Ringkämpfer“, „Rivale“ oder auch „Gegenspieler“ auf. Dies entspricht aber genau der ursprünglichen Bedeutung des Namens Israel, den Gott dem Stammvater Jakob am Jabbok verliehen hatte: „Nicht mehr Jakob soll dein Name heißen, sondern Israel (Kämpfer Gottes), denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft (gerungen: sarita) und warst überlegen.“ (1. Mose 32,29). Auf die antiken Griechen, deren Begeisterung für den Ringkampf in ihren Erzählungen und auf zahllosen bildlichen Darstellungen bezeugt ist, sollte ein solcher Bericht eine ungeheure Wirkung gehabt haben. Daß sie Namen ihrem Sinn nach übersetzten und nicht einfach transkribierten, ist in vielen Fällen belegt. Die Begriffe „palaistes“ und „Palestine“ sind sehr viel näher beieinander als „Peleschet“ und „Palestine“. Es fällt zudem auf, daß die Übersetzer des griechischen Alten Testaments, der Septuaginta, die Philister (hebr. Peleschet) nicht mit „Palestinoi“ wiedergegeben haben, obwohl ihnen dieser Begriff, den auch Herodot gebraucht hat, zur Verfügung gestanden haben muß. Statt dessen transkribieren sie als „Philistieim“ (wörtl. „Land der Philister“). Angesichts der griechischen Vorliebe für Wortspiele hält es JACOBSON für möglich, daß „Palestine“ sowohl für Israel als auch für Philistäa in Gebrauch gewesen sein könnte.
[JACOBSON D (2001) When Palestine meant Israel. Biblical Archaeological Review 27, 43-47.57]
UZ