Säugerzahn birgt Überraschung
Die Zähne sind oft die einzigen Überreste, die von kleineren ausgestorbenen Säugetieren des Mesozoikums fossil gefunden werden. Trotzdem können Zähne zahlreiche Aufschlüsse geben z.B. über die Nahrung dieser Tiere. Mangels sonstiger Fossilien versuchen Evolutionstheoretiker, aus ihnen die stammesgeschichtliche Zusammenhänge der frühen Säugetiere zu rekonstruieren.
Als bedeutender Fortschritt in der Entwicklung der Säugetierzähne betrachtet man die Bildung der sogenannten tribosphenischen Molaren (Backenzähne). Solche Zähne können die Nahrung sowohl schneiden als auch mahlen. Die frühesten fossil bekannten Vertreter der plazentalen (Mutterkuchentiere) und marsupialen Säuger (Beuteltiere) hatten dagegen Molaren, die mehr wie Scheren schnitten, geeignet um Insekten zu zerteilen, aber nicht um zähe Nahrung zu zerkleinern.
Der tribosphenische Molar besteht aus einer Mahleinheit: einem spitzen Höcker (Protoconid) im oberen Zahn, der wie ein Stößel in die mörserähnliche Vertiefung (Talonid) im unteren Zahn paßt. Mit diesem Zahntyp konnten die tribosphenischen Säuger Samen zerbrechen, Früchte zu Brei zerquetschen und Blätter zermahlen.
Diese entscheidende Neuerung, die nur bei Säugetieren vorkommt, hält man für eine wesentliche Ursache, die das enorme Anwachsen dieser Tiergruppe seit in der Kreide erklären soll. Alle mesozoischen Fossilien von plazentalen und marsupialen Säugern haben tribosphenische Zähne. Die Fossilien stammen von Asien, Europa und Nordamerika. Bislang war man davon ausgegangen, daß Säugetiere mit diesen Zahntypen sehr wahrscheinlich vom einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, der in der nördlichen Hemisphäre während der unteren Kreide gelebt haben soll. In den südlichen Kontinenten sollen sich Säuger aus der Gruppe der Monotremata (Kloakentiere) mit primitiveren nichttribosphenischen Zähnen entwickelt haben.
Nun behauptet eine Gruppe von Paläontologen (Stockstad 2001), daß sich tribosphenische Molaren nicht nur einmal, sondern zweimal völlig getrennt voneinander entwickelt hätten. Dieser Backenzahntyp sei in der südlichen Hemisphäre unabhängig bei fossilen Verwandten der Monotremata, einer sehr alten Säugergruppe, aufgetaucht. Die fraglos tribosphenischen Molare wurden Ende der 90er Jahre in Australien und Madagaskar gefunden; sie gehören zu Ausktribosphenos und Ambondro. Zudem wurde Ambondro in einer mitteljurassischen Schicht gefunden, so daß der tribosphenische Molarentyp nicht nur in einer anderen Hemisphäre, sondern auch in einer anderen Zeit auftaucht, nämlich 10er von Millionen Jahren bevor die ersten Formen im Norden fossil auftreten.
Es sind sicherlich noch weitere Fossilfunde notwendig, um die Stichhaltigkeit einer getrennten Enstehung der beschriebenen Backenzahn-Typen bei den Säugern zu untermauern.
[Stockstad E (2001) Evolution: Tooth theory revises history of mammals. Science 291, 26; Rich TH, Vikers-Rich et al. (1997) A tribosphenic mammal from the mesozoic of Australia. Science 278, 1438-1442.] JGH