Neuer Wirt - neue Art?

Lange Zeit galt als eine unerläßliche Voraussetzung für Artbildung, also die Aufspaltung von einer Spezies in zwei andere bzw. die Abspaltung einer neuen Art, daß eine geographische Trennung (Separation) erfolgt. Dadurch wird der Genfluß unterbunden, da Kreuzungen durch die geographische Situation nicht mehr möglich sind. Somit können in den getrennten Populationen verschiedene Spezialisierungsvorgänge erfolgen, die schließlich zu so großen Unterschieden führen, daß auch bei späteren Wiederüberlappungen unter natürlichen Bedingungen keine Kreuzungen mit fruchtbarer Nachkommenschaft mehr vorkommen und somit die Arttrennung (im Sinne der Biospezies) vollzogen ist. Diese Abfolge entspricht der Vorstellung der allopatrischen Speziation (Artbildung nach räumlicher Trennung).

Ebenfalls schon lange wird aber auch diskutiert, ob eine Artentrennung auch sympatrisch möglich ist, d. h. ohne daß die Ausgangsart räumlich vollständig getrennt wird. Dies wurde meist für nicht möglich gehalten, da nicht klar war, wie unter diesen Umständen der Genfluß unterbunden werden konnte. Genfluß (aufgrund von Kreuzungen) aber verwischt eventuelle eintretende Unterschiede.

Immer wieder wurde von Fällen berichtet, in denen doch eine sympatrische Artbildung erfolgt sein dürfte - oft bei symbiotischen Wirt-Gast-Beziehungen. Von einem Beispiel dieser Art berichten Groman & Pellmyr (2000). Sie entdeckten, daß einige Individuen einer Motte, Prodoxus quinquepunctellus (Lepidoptera, Prodoxidae), ihren Wirt gewechselt hatten. Diese Motten legen ihre Eier in Blütenstiele der Palmlilie Yucca. Die schlüpfenden Larven ernähren sich ca. 30 Tage lang im Blütenstiel. Dort überwintern sie auch und verpuppen sich im Frühjahr im Blattstiel. Die Motten schlüpfen vor der Blütezeit. Sie ruhen tagsüber in den Blüten und vollziehen dort auch die Paarung.

Im Osten der Vereinigten Staaten wurde vor etwa 500 Jahren zusätzlich zur heimischen Art Yucca filamentosa die Art Y. aloifolia eingeführt. Sie ist mittlerweile von der Prodoxus-Motte besiedelt. Genetische Analysen der mtDNA zeigen, daß sie von P. quinquepunctellus stammen. Die auf Y. aloifolia lebenden Motten sind in allen Merkmalen deutlich kleiner. Sie entwickeln sich später, da ihr Wirt erst mit der Blühzeit beginnt, wenn die einheimische Y. filamentosa bereits fast vollständig verblüht ist. Die auf dem neuen Wirt lebenden Motten zeigen eine deutlich verringerte Variation, was auf einen Flaschenhalseffekt kurz nach der Neubesiedlung des eingeführten Wirtes zurückgeführt werden kann. Aus dem Befunden kann geschlossen werden, daß eine rasche sympatrische Artbildung möglich ist. Im Rahmen der Grundtypenbiologie kann sympatrische Artbildung als eine Möglichkeit zu rascher Diversifikation interpretiert werden. [Groman JD & Pellmyr O (2000) Rapid evolution and specialization following host colonization in a yucca moth. J. Evol. Biol. 13, 223-236.] RJ