Schwertträger-Fische: Beispiel für polyvalente Stammform

Einige Arten lebendgebärender Karpfen aus der Tribus Xiphophorini besitzen im männlichen Geschlecht als sekundäres Geschlechtsmerkmal ein langes Schwert (Verlängerung der untersten Strahlen der Schwanzflosse), das sich unter Sexualhormoneinfluß ausbildet und eine Rolle bei der Balz der Männchen (Wiegebalz) spielt (Abb. 1). Andere Arten haben ein kürzeres Schwert oder sind schwertlos. Sämtliche Arten der Xiphophorini sind in ihrem natürlichen Lebensraum oder unter Aquarienbedingungen miteinander kreuzbar, gehören also zum selben Grundtyp. Nach bisherigen Vorstellungen soll die schwertlose Ausprägung der Schwanzflosse ursprünglich gewesen sein. Das Schwert soll durch sexuelle Selektion entstanden sein. Neuere molekularbiologische Studien führen jedoch zu einer Phylogenie der Xiphophorini, wonach die schwerttragenden Arten unsystematisch im Dendrogramm verteilt sind. Dies spricht dafür, daß die "Schwert"-Gene in den Ausgangsformen bereits vorhanden waren und später unterschiedlich expirimiert wurden, so daß es zu einem wiederholten Verlust und erneuter Aktrivierung im Laufe der Artaufspaltungen kam (Meyer 1994; Meyer 1999, 150f.). Dies wird dadurch unterstützt, daß durch Testosteron-Behandlung in manchen Fällen bei normalerweise schwertlosen Formen eine Schwertchenbildung ausgelöst wird. Diese Befunde lassen sich zwanglos im Rahmen der Vorstellung polyvalenter Grundtypen deuten.

Abb. 1: Schwertkärpfling mit schwertförmig verlängerten Flossentrahlen.

[Meyer A (1994) Recurrent origin of a sexually selected trait in Xiphophorus fishes inferred from a molecular phylogeny. Nature 368, 539-542; Meyer A (1999) Homology and homoplasy: the retention of genetic programmes. In: Homology. Novartis Foundation Symposium 222. Chichester, pp 141-157.] RJ