Neudatierung der Cheopspyramide auf astronomischer Basis?

Daß die Grundrisse der ägyptischen Pyramiden nach den Gestirnen ausgerichet wurden, vermuten die Altertumswissenschaftler schon seit langer Zeit. Zwar enthalten die antiken Quellen selbst keine derartigen Angaben, die Präzision, mit der die Bauwerke in nördlicher Richtung justiert sind, läßt aber kaum eine andere Erklärung zu. Welchen astronomischen Anhaltspunkten die alten Baumeister dabei gefolgt sind, ist aber ungeachtet der Vielzahl unterschiedlicher Ansätze bis heute eine ungelöste Frage.

Abb. 3: Bestimmten die Ägypter den Nordpol durch eine gedachte Linie durch den großen und kleinen Bären?

Unlängst hat die Ägyptologin Kate Spence von der Universität Cambridge einen neuen Vorschlag unterbreitet, der neben der generellen Orientierung der Monumente auch die geringen Abweichungen von der Nordachse erklären soll. Danach nutzten die Ägypter eine gedachte Linie durch die Sterne Mizar und Kochab im großen und kleinen Bären zur Fixierung des Nordpols (Abb. 3). Moderne astronomische Retrokalkulationen kommen jedoch zum Schluß, daß diese Linie mit dem wirklichen Norpol nur im Jahr 2467 v.Chr. exakt zusammenfiel, davor und danach bewirkte die Präzession der Erdachse eine systematische Abweichung. Spences Idee war nun, daß diese Abweichung in der Ausrichtung der Pyramiden, die über einen längeren Zeitpunkt entstanden sind, abgebildet sein müßte. Ein derartiger Zusammenhang scheint tatsächlich für eine Reihe von Bauten von der Stufenpyramide von Meidum, deren Bau unter Horus Huni, dem letzten Pharao der Dritten Dynastie begonnen wurde, bis zum Grabmal Neferirkare-Kakais aus der Fünften Dynastie zu existieren (Abb. 4).

Abb. 4: Möglicher Zusammenhang zwischen der Ausrichtung der Pyramiden und der Präzession der Erdachse

Sollte die Altertumsforscherin recht haben, dann ließe die astronomische Retrokalkulation zugleich eine sehr viel exaktere Datierung der Herrscher des Alten Reiches zu, als sie derzeit möglich ist. Auf eindrucksvolle Weise läßt sich das an Chufu (Cheops) illustrieren, dem Pharao der Vierten Dynastie, der nach dem Turiner Königskanon Ägypten dreiundzwanzig Jahre lang regiert haben soll. Man kann annehmen, daß die Grundsteinlegung einer Pyramide jeweils zu Beginn der Regierungszeit eines neuen Herrschers erfolgte. Für die Cheopspyramide, die als einzige fast exakt nach Norden ausgerichtet ist, wäre dies um das Jahr 2478 v.Chr. gewesen, drei Viertel Jahrhundete später als selbst nach der derzeitigen Spätdatierung nach Beckenrath angenommen wird. Die Diskrepanz zu den kalibrierten Radiokarbondaten des Alten Reiches (vgl. Zerbst, Stud. Int. J. 6, 1999, 51-68) würde damit noch größer.

[Spence K (2000) Ancient Egyptian chronology and the astronomical orientation of pyramids. Nature 408, 320-324] UZ