Behebt die molekulare Entwicklungsgenetik die Schwächen der Evolutionären Synthese?
von Judith Fehrer
Studium Integrale Journal
7. Jahrgang / Heft 2 - Oktober 2000
Seite 90 - 91
Inhalt:
Die "synthetische Theorie der Evolutionslehre", von ihren "Architekten" Mayr, Dobzhansky und Simpson wesentlich gestaltet, liegt nunmehr bereits einige Jahrzehnte vor - Zeit genug, einige grundsätzliche Dinge eventuell neu zu bewerten und neue Erkenntnisse einzubeziehen. Darüber haben E. G. Leigh, Jr. (1999) und R.L. Carroll (2000) in zwei kürzlich in Trends in Ecology and Evolution erschienenen Artikeln laut nachgedacht.
Die Unzufriedenheit mit der "Synthese" sei inzwischen so weit verbreitet, daß sie Kreationisten und Antidarwinisten Zulauf beschere, so Leigh. Als zentrales Problem wird - wie die vorgenannten Gruppen bereits seit langem hervorhoben - angesehen, daß die Theorie nie zeigen (oder zumindest Anzeichen dafür nennen) konnte, wie natürliche Selektion von Zufallsmutationen für das Ausmaß an beobachteten Adaptionen verantwortlich sein soll.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts taten viele Biologen so, als sei die Fähigkeit, sich die Funktion eines Organs vorstellen zu können, gleichbedeutend mit seiner Entstehung durch natürliche Selektion; ein Verhalten, das Gould & Lewontin (1979) mit Recht als "adaptive storytelling" bezeichneten. Die natürliche Selektion wurde für Gott substituiert und als allmächtiger Agent der Adaption gehandelt. Dabei fanden dieselben Beispiele in umgedeuteter Form Verwendung, die bis dahin der Weisheit des Schöpfers zugeschrieben worden waren.
Neben dem Fehlen der Testbarkeit der "Synthese" faßt Leigh noch weitere schwerwiegende Probleme zusammen: Der individuelle Vorteil eines Organismus ist nicht gleichzusetzen mit dem der Gruppe oder Art. Die Selektion innerhalb von Populationen ist irrelevant für Makroevolution, d.h. die offensichtlichen Diskontinuitäten aus dem paläontologischen Befund sind zu groß, um von Allelsubstitutionen auf evolutionäre Muster im großen Rahmen extrapolieren zu können. Und wie bereits angedeutet: Logischerweise sollte man nicht die Phänomene von Evolution und Adaption mit deren Ursachen verwechseln. Solche Zirkelschlüsse haben keinerlei Beweiskraft.
Erstaunlich und bisher ohne Erklärung sind die extrem rasche Divergenz der Linien kurz nach ihrem Auftreten (z.B. die Stämme der Vielzeller) und die anschließenden langen Perioden mit gleichem Bauplan und gleicher Lebensweise. Wo sind die Zwischenformen, wo die kontinuierliche Divergenz der Hauptlinien, z.B. nach der kambrischen Explosion, fragt sich Carroll. Die "Explosion" der Stämme kann nur eine Abfolge einmaliger Ereignisse genannt werden. Die Geschwindigkeit der anatomischen Veränderung und der adaptiven Radiation in so kurzer Zeit erfordert jedenfalls Erklärungen, die weit über die Mechanismen heutiger Artbildung hinausgehen.
Hier wird jedoch derselbe Fehler gemacht wie bei der "alten" Synthese: notwendige Voraussetzungen für Adaptionen werden für den Nachweis ihrer Entstehung durch Evolution gehalten. Im konkreten Fall der kambrischen Explosion räumt Carroll allerdings ein, daß die Evolution der Hox-Gene zwar eine Voraussetzung für die Vielzelligkeit der Organismen, aber keine Erklärung für die Radiation der Baupläne sei. Hierfür werden weitere Faktoren bemüht: die Veränderung der Umwelt, insbesondere des Sauerstoffgehalts der Luft, die Kontinentalverschiebung mit ihren klimatischen Auswirkungen und die Abwesenheit von Freßfeinden. Wiederum sind diese Ereignisse einzigartig, unwiederholbar, und der Zusammenhang dieser Faktoren mit dem Entstehen von Bauplänen ist nicht unmittelbar nachzuvollziehen. Sie stellen vielmehr sogar ein zusätzliches Problem dar: Die gleichgerichtete Evolution über längere Zeitperioden ist grundsätzlich beschränkt, weil sich die Rahmenbedingungen während der Erdgeschichte derart häufig und drastisch geändert haben, daß kein umfassendes Modell alle beobachteten Muster und Phänomene erklären kann. Die Erde und ihre Atmosphäre ist heute in einem Zustand, die keiner der postulierten Originaltypen überleben könnte.
Letzte Änderung: 28.01.2009 •