Der erste Europäer?

Unlängst wurde ein fast vollständig erhaltener 1,75 MrJ (Millionen radiometrische Jahre) alter Schädel von einem Mädchen und ein Schädeldachfragment eines Jugendlichen in Georgien (Dmanisi) beschrieben (Gabunia et al. 2000). Sie lebten zeitgleich mit dem Afrikanischen Homo ergaster, der afrikanischen Form des asiatischen Homo erectus und ähneln diesem auch sehr stark. Mit seiner offenen Buschlandschaft war der georgische Lebensraum zu ihren Lebzeiten Afrika, dem angeblichen Ursprungsort der Gattung Homo, sehr ähnlich.

Bislang geht die anthropologische Mehrheit noch davon aus, daß sowohl die Entstehung der Gattung Homo als auch die letzte Etappe der menschlichen Evolution - die Entstehung des anatomisch modernen Menschen - in Afrika stattfand. Allerdings mehren sich Indizien, daß auch der Nahe Osten als Ursprungsort der Gattung Homo und seiner Nachfahren in Frage kommen könnte. Echte Vertreter der Gattung Homo gibt es ab knapp 1,9 MrJ sowohl in Fernost als auch im Nahen Osten (letztere Datierung ist umstritten). Nach den Ausgräbern könne nun der neue Fund die Idee stützen, daß die Entwicklung des Menschen in einer viel größeren Region als ursprünglich vermutet stattfand - zwischen Ostafrika und dem südlichen Eurasien.

Die Funde werden von zahlreichen einfachen Geröll-Abschlägen begleitet, die sich deutlich von den späteren, ausgefeilteren Faustkeilen unterscheiden. Damit kann nach den Ausgräbern ein Fortschritt in der Steinwerkzeug-Technologie nicht die treibende Kraft für die Wanderungen gewesen sein, sondern wohl eher die Expansion des Lebensraums aufgrund des zu vergrößernden Jagdreviers. Die Menschen zogen gleichermaßen ihren Beutetieren hinterher. Ob diese Formen allerdings die ersten Europäer waren, wie manche Forscher vorschlagen, bleibt heftig diskutiert (siehe Beitrag zum Neandertaler in dieser Ausgabe). Die monozentrische Vorstellung geht davon aus, daß diese Formen und ihre Nachfahren um 50.000 rJ von anatomisch modernen Menschen völlig verdrängt wurden, die aus Afrika oder dem Nahen Osten nach Europa einwanderten.

[Gabunia L, Vekua A, Lordkipanidze D, Swisher CC, 3rd, Ferring R, Justus A, Nioradze M, Tvalchrelidze M, Anton SC, Bosinski G, Joris O, Lumley MA, Majsuradze G & Mouskhelishvili A (2000) Earliest Pleistocene hominid cranial remains from Dmanisi, Republic of Georgia: taxonomy, geological setting, and age. Science 288, 1019-25.] SHS