Schnelle chromosomale Evolution und Artbildung bei Hausmäusen

In der Grundtypenbiologie wird die Existenz genetisch polyvalenter Stammformen heutiger Grundtypen postuliert, d. h. es wird ein vielseitiges ursprüngliches Erbgut angenommen - bedingt durch ein großes Ausmaß an Heterozygotie und programmierter Variabilität. Diese Polyvalenz kann Basis für rasche mikroevolutive Artaufspaltungen innerhalb von Grundtypen sein. Als Beispiel für einen solchen Vorgang kann die Entstehung von sechs neuen chromosomalen Rassen (Arten?) von Hausmäusen (Mus musculus) auf Madeira gewertet werden, die maximal 500 Jahre, vielleicht noch viel weniger Zeit in Anspruch genommen hat. Über entsprechende Beobachtungen berichtet die Evolutionsbiologin Britton-Davidian von der Universität Montpellier. Sie untersuchte mit ihren Mitarbeitern hunderte von Mäusen von 40 Lokalitäten der Insel Madeira und stellte fest, daß sie sich in sechs klar unterscheidbare chromosomale Rassen aufteilen. Da die Hausmäuse erst vor ca. 500 Jahren mit dem Menschen auf die Insel gelangten, müssen sich diese Unterschiede in dieser kurzen Zeit von 1500-2000 Generationen etabliert haben. Hausmäuse besitzen 40 Chromosomenpaare (2N = 40); die "Madeira-Mäuse" dagegen nur 22-30. Diese Verringerung erfolgte nicht durch Verluste, sondern durch Robertsonsche Chromosomenfusionen. Die verschiedenen chromosomalen Rassen sind durch steile Berge voneinander getrennt und leben in verschiedenen engen Tälern. Britton-Davidian et al. (2000) führen die Unterschiede daher auf geographische Trennung und Gendrift, nicht auf Selektion zurück, zumal sich die Mäuse äußerlich kaum unterscheiden. Hybriden zwischen den Rassen wurden in keinem Fall gefunden; die Wissenschaftler vermuten Sterilität aufgrund der chromosomalen Unterschiede. Daher kann definitionsgemäß von verschiedenen Arten gesprochen werden.

[Britton-Davidian J, Catalan J, de Grac,a Ramalhinho M, Ganem G, Auffray J-C, Capela R, Biscoito M, Searle JB & da Luz Mathias M (2000) Rapid chromosomal evolution in island mice. Nature 403, 158.] RJ