Mischling aus Dromedar und Lama - die Cameliden: ein Grundtyp

Die Familie der Kamelartigen (Camelidae) aus der Ordnung der Paarhufer setzt sich aus zwei heute lebenden Gattungen zusammen, Camelus (mit den beiden Arten Kamel und Dromedar) und Lama. Die Gattung Camelus ist heute auf die Alte Welt beschränkt, während die kleineren Lamas (vier Arten) nur in der Neuen Welt verbreitet sind. Aufgrund molekulargenetischer Studien an mitochrondrialer DNA (mtDNA) soll die Trennung der beiden Gattungen 11 Millionen Jahre zurückliegen. Die beiden Gattungen sind an deutlich verschiedene Umweltbedingungen angepaßt. So besitzen die Lamas beispielsweise ein dichtes feinwolliges Fell, das sie für das kalte Klima der Anden geeignet macht, während die Kamele weniger dicht behaart sind und mit extremen Tag-Nacht-Temperaturunterschieden zurechtkommen können.

Abb. 2: Mischling aus Dromedar und Lama: Oben: ein Tag alt, unten: 4 Monate alt, mit Dr. Skidmore, Direktorin des Sheikh Mohammed bin Rashid al Maktouais Camel Reproduction Laboratory in Dubai, U. A. E. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Prof. W. R. Allen.

Trotz der enormen Zeitspanne einer genetischen Isolation gelangen erstmals Kreuzungen zwischen beiden Gattungen. J. A. Skidmore vom Camel Reproduction Center in Dubai und Mitarbeitern gelang bei 50 Versuchen einer künstlichen Besamung von weiblichen Dromedaren (Camelus dromedarius) mit Samen vom Lama (Lama guanicoe) die Geburt eines Mischlings; eine weitere Trächtigkeit endete am 260. Tag. Die umgekehrte Kreuzung wurde 34mal versucht; hier gelangen zwei Geburten (davon eine Frühgeburt); vier weitere Trächtigkeiten brachen vorzeitig ab. Die Mischlinge waren in ihrem Aussehen intermediär zwischen Kamel und Lama; DNA-Analysen bestätigten, daß es sich um Mischlinge handelte. Ob die Mischlinge fruchtbar sind, konnte nicht geprüft werden, wird aber von den Wissenschaftlern als sehr unwahrscheinlich angesehen. Innerhalb der beiden Gattungen sind Mischlinge schon länger bekannt.

Nach der Grundtyp-Charakterisierung von Scherer (1993) gehören die Kamelartigen damit definitionsgemäß zu einem Grundtyp. Skidmore et al. (1999) stellen mit Erstaunen fest, daß sich trotz der deutlichen Unterschiede in der Gestalt, in der Physiologie und im Verhalten, die sich unter den sehr verschiedenen Umweltbedingungen herausspezialisiert haben, die Fortpflanzungsbiologie nur geringfügig verändert hat, so daß Mischlinge erzeugt werden konnten. Als bedeutsam sehen sie dabei die Konstanz der Chromosomenzahl an (2n = 74). Beide Befunde zusammen lassen sich im Rahmen der Hypothese polyvanter Grundtyp-Stammformen deuten, d. h. die Vorläuferformen waren nicht primitiv, sondern genetisch vielseitig.

[Scherer S (1993) Basic Types of Life. In: Scherer S (Hg) Typen des Lebens. Berlin, S. 11-30; Skidmore JA, Billah M, Binns M, Short RV & Allen WR (1999) Hybridizing Old and New World camelids; Camelus dromedarius × Lama guanicoe. Proc. R. Soc. Lond. B 266, 649-656.] RJ