Jüngere Schildkröte "primitiver" als die älteste?

Nachdem im 19. Jahrhundert im südwestdeutschen Sandsteinkeuper mehrere bruchstückhafte Schildkrötenreste gefunden worden waren, entdeckte man nach der Jahrhundertwende gut erhaltene Exemplare. Heute kennt man über ein Dutzend Schildkröten aus der europäischen Obertrias, die mit einer Ausnahme alle aus Württemberg stammen. Es handelt sich um die geologisch ältesten Schildkröten der Erde. Ihre Herkunft ist unbekannt (Ziegler 1986, 136f.). Man unterscheidet zwei Gattungen. Die etwas jüngere Proganochelys aus dem Mittleren Stubensandstein und dem überlagernden Knollenmergel (Mittlerer Keuper, Obere Trias) hat einen flachen Panzer und gilt als Wasserbewohner. Sie trug Zähne auf den Gaumenknochen und über den Hals- und Schwanzwirbeln waren (zum Schutz?) Knochendornen ausgebildet, die ein Zurückziehen von Kopf, Hals und Schwanz unter den Panzer verhinderten. Diese Merkmale kennzeichnen sie nach dem Stuttgarter Wirbeltierpaläontologen R. Wild (1998) als die am ursprünglichsten gebaute Schildkröte überhaupt (vgl. Müller 1985, 73f.).

Im Unteren Stubensandstein, genauer: im ersten Stubensandstein-Horizont des Welzheimer und Murrhardter Waldes (nordöstlich Stuttgart) fand man die noch ältere Proterochersis (Hagdorn & Simon 1988, 85f.; vgl. Bachmann & Brunner 1998, 254). Auch wenn inzwischen neuere Schildkrötenfunde aus der Obertrias von Grönland, Argentinien, Südafrika und Thailand bekannt wurden, ist nach Wild Proterochersis immer noch die geologisch älteste Schildkröte der Erde (vgl. Benton 1993, 683f.). Ihr hochgewölbter Panzer kennzeichne sie als Landbewohner. Wie Wild (1998, 64) kürzlich in einem zusammenfassenden Beitrag über die südwestdeutschen Keuper-Vierfüßer schrieb, gehörte Proterochersis wahrscheinlich zu den Halswender-Schildkröten. Diese heutige Unterordnung zieht mit Hilfe eines anderen Mechanismus den Kopf unter den Panzer zurück als die heutigen Halsberger-Schildkröten (vgl. Kuhn-Schnyder & Rieber 1984, 214f.). Die knappe Beschreibung Wilds läßt immerhin erkennen, daß die ältere Proterochersis deutlich "moderner" gebaut war als die etwas jüngere Proganochelys. Möglicherweise ist dieser Befund eine Stütze für die inzwischen mehrfach belegte These des amerikanischen Paläontologen S.J. Gould (1998, 239-261), wonach in der Geschichte des Lebens keine Zunahme an Komplexität festzustellen ist, wenn die fossil nacheinander auftretenden Vertreter von Organismengruppen methodisch korrekt, nämlich in streng quantifizierbarer Weise vergleichend analysiert werden.

Die gut erhaltenen Keuper-Schildkröten sind v.a. im Museum am Löwentor des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart ausgestellt.

[Bachmann GH & Brunner H (1998) Nordwürttemberg. Sammlg. Geol. Führer 90. Berlin, Stuttgart; Benton MJ (1993) Reptilia. In: Benton MJ (ed.) The Fossil Record 2, London, S. 681-715; Gould SJ (1998) Illusion Fortschritt. Frankfurt/M.; Hagdorn H & Simon T (1988) Geologie und Landschaft des Hohenloher Landes. Sigmaringen; Kuhn-Schnyder E & Rieber H (1984) Paläozoologie. Stuttgart, New York; Müller AH (1985) Lehrbuch der Paläozoologie, Bd. III/2. Jena; Wild R (1998) Zwischen Land und Meer. Saurier der Keuperzeit. In: Heizmann EPJ (Hg.) Vom Schwarzwald zum Ries, München, S. 57-66; Ziegler B (1986) Der schwäbische Lindwurm. Stuttgart.] MS