Der Ursprung der Fische und eine "falsche" Mosaikform

Der Ursprung der Fische wird durch Fossilfunde nicht erhellt. Die Fische werden in die Knorpelfische (Haie u.a.), Stachelhaie (Acanthodii) und Knochenfische unterteilt, letztere in die große Gruppe der Strahlenflosser (Actinopterygii) und die Fleischflosser (Sarcopterygii). Von den Fleischflossern werden die Landwirbeltiere (Tetrapoda, Vierbeiner) abgeleitet.

Verfolgt man den Fossilbericht in die Vergangenheit zurück, werden die Fleischflosser vielfältiger, bis im Devon eine große Bandbreite von ihnen neben wenigen Strahlenflossern angetroffen wird; dann aber bricht der Fossilbericht abrupt ab (Ahlberg 1999). Aus dem Silur sind nur isolierte Schuppen und kleine Bruchstücke von Knochenfischen bekannt. Auch phylogenetische Analysen, die auf molekularen oder morphologischen Daten basieren, konnten nicht klären, welches der letzte gemeinsame Vorfahre der Fleischflosser oder der Knochenfische als Ganzes gewesen sein könnte.

Von der Grenze Silur/Devon wird nun ein neuer Fund gemeldet. Zhou et al. (1999) entdeckten in Yunnan/Südchina die Gattung Psarolepis als nunmehr ältesten Knochenfisch. Doch wie so oft weist die neue Gattung ein Merkmalsmosaik auf, das sie als evolutionäre Übergangsform mehr als fragwürdig erscheinen läßt. Ahlberg (1999) spricht von einem unerwarteten Mix von Eigenschaften, der eine Neubewertung phylogenetischer Vorstellungen von großen Teilen des Wirbeltierstammbaums erforderlich mache. Schädelkapsel, Zähne und weitere Merkmale gleichen Fleischflossern. Die zähnetragenden Knochen der Schnauze und die Wangenknochen entsprechen denen der Strahlenflosser. Der Schultergürtel dagegen ähnelt allen Knochenfischen nicht. Ein großer Stachel ragt direkt vor der Brustflosse heraus - eine Situation, die den ausgestorbenen Placodermen entspricht. Andererseits scheint Psarolepis auch Stacheln der Spitze der medianen Flossen zu besitzen, was wiederum an die Stachelhaie erinnert (vgl. Abb. 1).

Abb. 1: Verwandtschaftliche Beziehungen der Fischgruppen nach evolutionstheoretischen Vorstellungen. Der neue Fund Psarolepis weist ein Merkmalsmosaik aus Merkmalen verschiedener Gruppen auf: F Fleischflosser-Merkmale, N Merkmale, die bei den Knochenfischen nicht vorkommen, S Strahlflosser-Merkmale; die Zahlen jeweils davor geben die Anzahlen der Merkmale an. Nähere Angaben im Text. (Vereinfacht nach Zhu et al. 1999)

Aufgrund dieses Merkmalsmosaiks ist die phylogenetische Position von Psarolepis nicht bestimmbar. Eine evolutionäre Übergangsform sollte zudem nicht ein Merkmalsmosaik vieler verschiedner Gruppen aufweisen, sondern im Gegenteil in möglichst vielen Merkmalen unspezialisiert sein. Dies ist Psarolepis gerade nicht, so daß durch diesen Fund hypothetische evolutionäre Zusammenhänge der Fischgruppen verwirrender und nicht klarer werden.

[Ahlberg PE (1999) Something fishy in the family tree. Nature 397, 564-565; Zhou M, Yu X & Janvier P (1999) A primitive fossil fish sheds light on the origin of bony fishes. Nature 397, 607-610.] RJ