Interessante Nestgründung bei Stachelameisen

Abb. 2: Eine beginnende Kolonie von D. oculata in einem geöffneten Eiballen aus Seide einer kribellaten Spinne.

Bei unseren Schwarzen Wegameisen (Lasius niger, eine Schuppenameise) gründet eine Königin eine Kolonie, indem sie sich nach der Befruchtung eine Erdhöhle gräbt, dort Eier legt und die Larven alleine von ihren eigenen Körpervorräten aufzieht. Die ersten Arbeiter sind viel kleiner als gewöhnlich, weil die Fett- und Eiweißreserven der Königin begrenzt sind. Erst diese Arbeiter verlassen das Nest, um auf die Jagd zu gehen und die Königin zu ernähren. Diese Form der Koloniegründung wird "claustral" ("eingeschlossen") genannt und gilt als hochentwickelt. Bei der semi-claustralen Koloniegründung, die als "primitiver" bezeichnet wird, verläßt die Königin das Nest, um selbst Futter zu besorgen, und ernährt damit ihre ersten Nachkommen. Diese Arbeiter sind normal groß, weil die Königin nicht auf eigene begrenzte Vorräte angewiesen ist. Allerdings besteht die Gefahr, daß die Königin bei ihrer Futtersuche umkommt.

Ameisen aus der Gruppe der Stachelameisen (Ponerinen) haben keine claustrale Koloniegründung und gelten deshalb als primitiv, es gibt aber eine Stachelameise Discothyrea oculata aus Kamerun, bei der die Königin trotzdem die Gefahren einer eigenen Jagd umgeht. Die Königinnen haben eine ganz ausgefallene Kinderstube entdeckt: Sie nisten sich in von Seide umsponnenen Eiballen kribellater Spinnen (Ariadna spec.) ein. Kribellate Spinnen produzieren keine klebrigen Seidenfäden zum Beutefang, sondern umspinnen die Haltefäden des Netzes mit feinsten "Fusseln" aus Seide. Insekten bleiben dann mit ihren Körperteilen und Borsten in diesen "Fusseln" hängen. In den Eiballen dieser Spinnen haben die Ameisen-Königinnen nun Nahrung durch Spinneneier und Schutz durch die Seidenhülle. Die Königin braucht ihre Unterkunft nicht verlassen und ist gleichzeitig auch nicht auf eigene Vorräte angewiesen. Experimente zeigten, daß die Ameisen in der Lage sind, die Seide zu manipulieren und damit das Innere des Eiballen nach ihrem Gutdünken zu gestalten. Die ursprüngliche Koloniebildung dieser Ameisenart muß allerdings semi-claustral gewesen sein, denn wurden in Experimenten den Königinnen leere Seidenhüllen angeboten, so begaben sie sich auf Suche nach Spinneneiern, um damit Nahrung herbeizuschaffen.

Es ist fraglich, ob man eine Art der Koloniegründung hochentwickelt (claustral) oder eine andere primitiv (semi-claustral) nennen kann. Jede Ameisenart hat ihre Besonderheiten bei der Koloniegründung und jede Art überlebt. Je nach Umwelt ist die eine oder andere Koloniegründung von Vor- oder Nachteil. Auch die vorgeblich primitiveren Stachelameisen stehen anderen Ameisen in der Komplexität ihrer Verhaltensweisen in nichts nach. [Dejean A & Dejean A (1998) Insectes sociaux 45, 343-346.] KN