Verwandtschaft der Wale: Morphologie und Moleküle im Konflikt

Bei der (Re)konstruktion von Stammbäumen haben es die Evolutionsbiologen häufig mit dem Phänomen der Konvergenz zu tun: Verschiedene Merkmale oder Merkmalskomplexe legen unterschiedliche Abstammungsverhältnisse nahe. Daher bestand die Hoffnung, daß molekulare Studien zu mehr Klarheit in phylogenetischen Fragen verhelfen könnten. Diese Hoffnung wurde vielfach nicht erfüllt - im Gegenteil. Molekulare Studien enthüllten in manchen Fällen neue Konvergenzen, so zum Beispiel bei den Verwandtschaftsverhältnissen der Walartigen. Nach bisherigen taxonomischen Vorstellungen sind die Zahnwale (Odontoceti) als monophyletische Gruppe von den Bartenwalen (Mysticeti), die sich als Filtrierer völlig anders ernähren als die Zahnwale, deutlich abgesetzt. Angesichts enormer morphologischer Unterschiede ist dies nicht anders zu erwarten. DNA- und Protein-Sequenzanalysen bestätigen diese Trennung überraschenderweise jedoch nicht. Eine Gruppe der Zahnwale sind demnach mit den morphologisch deutlich verschiedenen Bartenwalen enger verwandt als mit den anderen Zahnwalen - ein Befund, der unter evolutionstheoretischen Voraussetzungen als unerwartet gelten muß. [Hasegawa M, Adachi J, Milinkovitch MC (1997) Novel phylogeny of whales supported by total molecular evidence. J. Mol. Evol. 44 (Suppl. 1), S117-S120.] RJ