Ingenieure im Karbon?
Am 23. 10. 98 erschien in Science eine Arbeit mit dem Titel: Smart Engineering in the Mid-Carboniferous: How well could Paleozoic dragonflies fly? Bei heutigen Libellen ("Dragonfly") sind eine ganze Reihe von raffinierten Einzelkonstruktionen bekannt, die für den komplexen Libellenflug notwendig sind. Die Flügel haben keine interne Muskulatur und ihre genau definierte dreidimensionale Formveränderung während des Flügelschlags ist durch die elastischen Eigenschaften bezüglich aerodynamischen - und Trägheitskräften festgelegt. Dieser Flügelaufbau sowie die zugehörigen Muskeln im Thorax-Segment der Libelle und ihre Steuerung befähigt Libellen zu überragend vielfältigem und wendigem Flug. Die Autoren beschreiben Libellen-Fossilien aus dem Mittelkarbon von Argentinien. Die Flügel zeigen klare Anzeichen von raffinierten Flugmechanismen, wie man sie ähnlich von heutigen Libellen kennt. Dadurch nimmt der Libellenflügel während des Flügelschlags automatisch die aerodynamisch günstigste Form an. Diese kleinen mesozoischen Libellen waren also hochkomplex und auf ähnliche, aber nicht identische Weise zum Hochleistungs-Jagdflug fähig wie ihre heutigen nahen Verwandten.
Die Autoren bezeichnen den Libellenflügel als ein spektakuläres Beispiel für Mikroingenieurstechnik. Wie Mutation und Selektion, Konrad Lorenz' berühmte große Konstrukteure der Evolution, einen Libellenflügel ins Dasein brachten, bleibt allerdings weiter im Dunkel. Die Arbeit von Wootton und Mitarbeitern zeigt jedenfalls, daß ein genialer Ingenieur schon im Mittelkarbon perfekte Arbeit geleistet hatte. [Wootton RJ, Kukalová-Peck J, Newman DJS, Muzón J (1998) Smart Engineering in the Mid-Carboniferous: How well could Paleozoic dragonflies fly? Science 282, 749-751.] SS