Experimentelle Phasen der Makroevolution?

Zu Beginn des Kambriums treten in weltweiter Verbreitung unterschiedlichste Baupläne in der Fossilüberlieferung auf, deren Vielfalt nicht befriedigend in evolutionäre Stammbäume eingeordnet werden kann (außerdem sind evolutionär zu postulierende Vorläuferformen unbekannt oder umstritten; vgl. Gould 1991). Eine ähnliche Situation stellt sich in der Überlieferung früher Landpflanzen dar, deren Vielfalt sich ebenfalls gegen Stammbaumdarstellungen sperrt. Dort lassen sich die unterschiedlichen Formen eher netzartig als baumartig verknüpfen (Junker 1996). In beiden Fällen wurde diskutiert, ob das Auftreten zahlreicher Mosaikformen durch "experimentelle Phasen" der Evolution zu deuten seien. Freie ökologische Zonen hätten einwandernden Organismen bei wenig Konkurrenz vielfältige Evolutionsrichtungen mit der Folge zahlreicher Konvergenzen erlaubt. Durch den Begriff der "experimentellen Phase" wird das Phänomen allerdings nur beschrieben, nicht aber erklärt (vgl. die Diskussion in Junker 1996, S. 74-76). Hier soll auf eine andere Schwierigkeit des Erklärungsversuchs einer "experimentellen Makroevolutionsphase" aufmerksam gemacht werden. In der Organismengeschichte gab es auch zu anderen Zeiten großräumige freie ökologische Zonen. So vermuten die Paläontologen, daß nach einem Massenaussterben an der Wende vom Perm zur Trias die Meere nahezu leer und ein "ideales Experimentierfeld für die Evolution" (Brandl 1998) waren, "vergleichbar mit den Rahmenbedingungen in den Meeren zu Beginn des Paläozoikums." Trotzdem sind keine neuen Baupläne aufgetreten wie an der Präkambrium/Kambrium-Grenze im Tierreich oder während des Devons im Pflanzenreich. Die neuerliche Entfaltung der Faunen erfolgte vielmehr auf niederem taxonomischem Niveau (Ordnungen, Familien). Vergleichbare Befunde zeigen sich auch in anderen Fällen. Offenbar sind freie Lebensräume allenfalls eine Bedingung, aber keine Erklärung für die Bildung neuer Baupläne.

[Brandl R (1998) Stille Revolution in der Paläontologie. Nat. Rdsch. 51, 32-33; Gould SJ (1991) Zufall Mensch. München; Junker R (1996) Evolution früher Landpflanzen. Neuhausen-Stuttgart.]

RJ