Schädelchirurgie in der Mittelsteinzeit

1996 wurden am Schädel eines Skelettes vom Steinzeitfriedhof Ensisheim (Elsaß) klare Hinweise auf zwei Trepanationen (chirurgisch verursachte Löcher im Schädel) entdeckt. Da die Trepanationsstellen Zeichen eines langen Heilungsprozesses aufweisen, mußten die beiden chirurgischen Eingriffe am Lebenden durchgeführt worden sein. Die technische Durchführung der Operation war meisterhaft und beweist gute anatomische Kenntnisse des Operateurs. Mit einem datierten Alter von 5.100 Jahren v. Chr. meinten Alt et al. (1997) die nachgewiesen älteste geheilte neurochirurgische Operation in der Menschheitsgeschichte veröffentlicht zu haben.

Wenig später weist Lillie (1998) jedoch darauf hin, daß bereits 1966 eine noch ältere verheilte Schädeltrepanation in russischer Sprache beschrieben wurde. Der Schädel stammt aus der Region der Dnepr-Stromschnelle der Ukraine, 400 km südöstlich von Kiew. Kalibrierte Radiokarbondatierungen haben für den Fundort, den Friedhof von Vasilevka II, ein Alter von 7.300-6.220 v. Chr. bestimmt. Gegenüber dem neolithischen Ensisheimskelett stammt dieser um 1.000-2.000 Jahre ältere Schädel aus dem Mesolithikum (Mittelsteinzeit; datiertes Alter 8.000-4.000 Jahre v. Chr.). Durch die Verheilung der Trepanation ist die Methode der Knochenentfernung nicht ganz klar. Wahrscheinlich wurde aber ein Bohrer benutzt.

Warum wurden in der Mittelsteinzeit Trepanationen durchgeführt? Jede Antwort darauf ist spekulativ. Am ehesten könnten die Gründe ähnlich denen heute lebender Ureinwohner Afrikas sein. Diese führen Trepanationen bei Verletzungen wie Frakturen oder Erkrankungen des Kopfes bzw. des Gehirns (andauernder Kopfschmerz, Krampfleiden, intracraniale Tumoren und Geisteskrankheit) durch.

[Alt KW, Jeunesse C, Buitrago-Téllez CH, Wächter R, Boes E & Pichler SL (1997) Evidence for stone age cranial surgery. Nature 387, 360; Lillie MC (1998) Cranial surgery dates back to Mesolithic. Nature 391, 854]

MB