Sprachursprung und Weite des hypoglossalen Kanals
Kay, Cartmill & Balow (1998) haben festgestellt, daß die absolute und relative Größe des Canalis hypoglossus beim Schimpansen und Gorilla kleiner ist als beim modernen Menschen. Die Autoren vermuten einen Zusammenhang zwischen dieser Größendifferenz und der Fähigkeit zur Vokalsprache. Bei den Säugetieren verläuft durch die Schädelbasis im Canalis hypoglossalis ein Nerv (Nervus hypoglossus), der nahezu alle Muskeln der Zunge versorgt. Die menschliche Zunge sei besser mit motorischen Nerven versorgt als die Zunge der afrikanischen Großaffen. Die Ursache dafür liege in der guten motorischen Koordinationsfähigkeit der menschlichen Zunge, die Voraussetzung für die Vokalsprache ist. Von der Größe des Canalis hypoglossalis könne deshalb auf die Fähigkeit zur Vokalsprache auch bei fossilen Hominiden geschlossen werden.
Der Canalis hypoglossalis liegt bei Australopithecus africanus (Sts 19, Stw 187) und möglicherweise Homo habilis (Stw 53) im Größenbereich vom Schimpansen. Beim Neandertaler (La Ferrassie, La Chapelle-aux-Saints), beim archaischen (Broken Hill, Swanscombe) und beim modernen Homo sapiens (Skuhl 5) ist er dagegen ähnlich groß wie beim heute lebenden Menschen. Kay et al. (1998) schließen aus diesem Ergebnis, daß der Mensch schon vor mindestens 400.000 Jahren eine im wesentlichen moderne menschliche Vokalsprache praktizierte. Australopithecus und möglicherweise Homo habilis besaßen dagegen wie die heute lebenden Schimpansen diese Fähigkeit nicht. Die Untersuchung von Kay et al. (1998) liefert keine Ergebnisse für Homo erectus. Dies ist sehr bedauerlich, weil Homo erectus einerseits unbestritten als echter Vertreter der Gattung Homo gilt, andererseits aber die überwiegende Zahl der Paläanthropologen ihm bis heute keine voll entwickelte menschliche Sprachfähigkeit zugestehen will.
Die Möglichkeit, von der Größe eines einzigen Kanals der Schädelbasis auf das Vorhandensein einer so hochkomplexen Fähigkeit, wie sie die Vokalsprache darstellt, schließen zu können, erscheint faszinierend. Ist diese einfache Methodik aber auch stichhaltig? Kay et al. (1998) weisen selbst darauf hin, daß durch den Canalis hypoglossalis außer dem Nervus hypoglossus noch andere Strukturen (nutritive Arterien, ein Zweig der pharyngealen Arterie und ein venöser Plexus) verlaufen. Der Anteil dieser Strukturen an der unterschiedlichen Größe des Canalis hypoglossalis bei den afrikanischen Großaffen und dem Menschen bis jetzt nicht bekannt. Es ist große Vorsicht angebracht, von einzelnen anatomischen Merkmalen auf komplexe Funktionen zu schließen, wie frühere Fehlschlüsse (z.B. vom Grad der Schädelbasiskrümmung auf die Fähigkeit zur Vokalsprache beim Neandertaler) zeigen.
[Kay RF, Cartmill M & Balow M (1998) The hypoglossal canal and the origin of human vocal behavior. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 95, 5417-5419]
MB