Sandkorallen (Psammocorallia) – ein neuentdeckter fossiler Lebensformtyp?
Adolf Seilacher, Paläontologe (Tübingen / New Haven, USA) und Craförd-Preisträger (Pendant zum Nobel-Preis), beschäftigt sich seit vielen Jahren u.a. mit präkambrischen Organismen und geht neue Forschungswege. Eine alternative, umstrittene Interpretation spätpräkambrischer Lebewesen, in denen andere Forscher evolutive Ausgangsformen der Tierwelt sehen ("Ediacara-Fauna"), geht auf ihn zurück. Er deutet sie als große, vielkernige, aber einzellige, im und auf dem Sediment lebende, protoplasmagefüllte abgesteppte "luftmatratzenartige Pneus" (Vendobionta), die jedoch ein blinder Zweig der Evolution gewesen seien (Seilacher 1992; vgl. Stephan 1994). Die von ihm vor einigen Jahren initiierte Wanderausstellung "Fossile Kunst" gibt zusammen mit dem gleichnamigen Katalog (Seilacher 1995) einen allgemeinverständlichen Einblick u.a. in seine Forschungen und sucht auch ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden. Vielzellige, der Tierwelt zugehörige Lebewesen (Metazoen), die ein Ausgangspunkt späterer Organismen gewesen sein könnten, sieht er dagegenin den weiter ins Präkambrium (Vendian; über 1 Milliarde Jahre) zurückreichendenSandkorallen (Seilacher 1992, 1997). Als solche beschreibt Seilacher zentimeterkleine, rundliche Formen aus Sand (Protolyllia (Nemiana) simplex; Ukraine, Namibia), die wegen ihrer geringen Größe keine Einzelheiten zeigen; diese sind aber an einer größeren Art aus dem unterkambrischen Mickwitzia-Sandstein (Schweden) zu sehen (P. princeps). Differenziertere Einzelheiten zeigt eine Art aus dem Ober-Ordovizium Jordaniens (P. benderi). An morphologischen Details übertroffen werden sie durch die ebenfalls aus dem Mickwitzia-Sandstein stammenden Formen Spatangopsis costata mit "4-5 stark vorspringenden Graten, welche zur Anheftung der weichen Septen des Polypenmagensgedient haben könnten" und besonders durch S. alata, die "diese Septen sogar zu großen Propellerflügeln ausgezogen und die ektodermale Oberfläche auf ein winziges Basalkissen reduziert" hat. Von anderer Seite werden Spatangopsis-Formen aber als anorganische Bildungen bzw. als Spurenfossil betrachtet (Seilacher 1997). Es dürfte einmalig sein, daß die gleiche Metazoen-Gattung sowohl aus dem Präkambrium als auch aus Kambrium und Ordoviziumbeschrieben wird. Und: die ausdifferenziertesten Arten (der zweiten Gattung) sind nicht die jüngsten Formen. Alle diese Lebewesen sollen sich durch ein internes Skelett aus organisch verkitteten Sandkörnern passiv stabilisiert haben, das normalerweise nach dem Tod wieder zu Sand zerfiel und nur etwa infolge eines Sturms und toniger Verschüttung erhalten blieb. Seilacher betont die hypothetische Natur dieser Deutungen und die Notwendigkeit weiterer Funde, um sie zu erhärten oder zu widerlegen. Er betrachtet Sandkorallen als ausgestorbene Klasse von Hohltieren; sie verkörpern nach ihm eine früheste Form von Hartskelettbildnern, entwickelt zu einer Zeit, als Tiere noch nicht die Fähigkeit besaßen, Skelette selbst zu mineralisieren, längst vor den dazu im Ordovizium fähigen rugosen Korallen mit kalzitischem Außenskelett.
[Seilacher A (1992) Vendobionta als Alternative zu den Vielzellern. Mitt. hamb. zöl. Mus. Inst. 89, 1, 9-20; Seilacher A (1995) Fossile Kunst. Albumblätter der Erdgeschichte. Korb; Seilacher A (1997) Sandkorallen – Ein ausgestorbener Lebensformtyp. Fossilien 14, 79-84; Stephan M (1994) Neuere Forschungen zur Lebewelt im Kambrium und Präkambrium – ein Überblick. Stud. Int. J. 1, 4-11]
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