Die Gene von Aarons Söhnen

Die Leviten waren derjenige Stamm aus den zwölf Stämmen Israels, der im allgemeinen für religiöse Angelegenheiten zuständig war. Aus diesem Stamm war es Moses Bruder Aaron, der ca. im 14. Jh. v. Chr lebte, von dem alle Priester (Kohanim) abstammen – zumindest nach den historischen Texten des Alten Testaments. Wenn diese Einteilungen sich bis heute erhalten haben, dann sollten alle modernen Nachfahren der Kohanim auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen, der auf keinen Fall nach dem Tempelbau (ca. 1000 v. Chr.) gelebt haben sollte. Dies sollte sich mit modernen Methoden der molekularen Evolutionsforschung überprüfen lassen.

Nun berichtet ein Team von Anthropologen in Nature von den Ergebnissen einer solchen Überprüfung. Sie untersuchten auf dem männlich vererbten Y-Chromosom sechs Sequenzen mit hoher Mutationsrate (Mikrosatelliten) und sechs Sequenzen, deren Veränderung im untersuchten Zeitraum eher klein ist. Mit den langsam evolvierenden Sequenzen können ältere Gruppen unterschieden werden (z.B. die Kohanim von den übrigen Israeliten), während die schnell evolvierenden Mikrosatelliten sich eher zur Datierung des letzten gemeinsamen Vorfahren eignen, wenn man die Mutationsrate kennt. Diese konnte letztes Jahr mit Hilfe von tief verzweigten Familienstammbäumen abgeschätzt werden und beträgt etwa 0,2 % pro Generation für die untersuchten vier Basenpaare langen Mikrosatelliten auf dem Y-Chromosom.

Und was kam dabei heraus? Die meisten Y-Chromosomen der Israeliten, die von ihrem Vater und Großvater behaupteten, daß er zu den Priestern gehöre, trugen das gleiche Muster in den langsam evolvierenden Sequenzen. Dies hebt sie von den übrigen Leviten ab, bei denen auch noch zwei andere Muster mit nennenswerter Häufigkeit vorkamen. Dies bedeutet, daß die Mehrheit der heutigen Priester-Nachfahren durchaus von einem Mann abzustammen scheinen, während die Israeliten, die sich heute als Leviten bezeichnen, wohl auch noch andere genetische Wurzeln haben können. Letzteres würde man z.B. bei Ehen von Levitinnen mit nicht-levitischen Männern erwarten, wenn deren Kinder hinterher als Leviten aufwachsen.

Doch wann lebte nun der letzte gemeinsame Vorfahre aller Priester? Nimmt man obige Mutationsrate an, dann lebte Aaron etwa vor 106 Generationen. Um daraus ein absolutes Datum zu machen, müssen jedoch (i) die Länge der Generationen, (ii) die Auswirkung der Form des Stammbaums auf die Zufälligkeit der Verteilung der sich ansammelnden Mutationen und (iii) die Unsicherheiten in der Mutationsrate berücksichtigt werden. Bei Generationslängen von 25-30 Jahren ergibt sich ein Datum zwischen etwa 650 v. Chr. und 1180 v.Chr. Simulationen des Mutationsgeschehens lassen jedoch mit 95% Wahrscheinlichkeit erwarten, daß die wahre Anzahl der Generationen seit Aaron zwischen 84 und 130 liegt. Zieht man nun auch noch die Unsicherheiten in der Mutationsrate in Betracht, so könnte Aaron vor mindestens 34 und höchstens 455 Generationen gelebt haben, wobei andere Annahmen über die Form des Stammbaums zu wieder anderen Werten führen.

Da beide Extremwerte (vor 850 bzw. 13650 Jahren) keinen historischen Sinn machen, bleibt zu hoffen, daß genauere Messungen der Mutationsraten und präzisere Simulationen des Evolutionsprozesses das Intervall einschränken.

[Thomas MG, Skorecki K, BenAmi H, Parfitt T, Bradman N & Goldstein DB (1998) Origins of Old Testament priests. Nature 394, 138-140; Heyer E, Puymirat J, Dieltjes P, Bakker E & De Knijff P (1997) Estimating Y chromosome specific microsatellite mutation frequencies using deep rooting pedigrees. Human Molecular Genetics 6, 799-803.]

LL