Ist das Herz der Reptilien primitiv?

Eine Gefahr, die gestreßte Manager bedroht, kann Reptilien relativ kalt lassen. Durch ihre scheinbar "primitive" Konstruktion des Herzens werden sie nämlich kaum einen Herzinfarkt erleiden. Während bei Säugetieren und Vögeln das Herz vollständig durch eine Scheidewand getrennt ist, wodurch aus dem Körper kommendes sauerstoffarmes Blut und aus der Lunge kommendes sauerstoffreiches Blut getrennt wird, sind bei Reptilien die beiden Herzkammern nur teilweise getrennt. Dies führt zu einer Mischung des Blutes. Diese Konstruktion wird im Rahmen evolutionstheoretischer Argumentation vielfach als "unvollkommen" charakterisiert. In Wirklichkeit aber ist die einfachere Konstruktion des Herzens bei Reptilien durchaus sinnvoll. Bei Reptilien entspricht nämlich die Konstruktion und die Leistungsfähigkeit des Herzens (ohne vollständige Scheidewand, Abgang von drei Hauptgefäßen) optimal den funktionellen Erfordernissen dieser wechselwarmen und relativ inaktiven Tiere. Im Vergleich zu den Säugetieren, die einen vielfach höheren Sauerstoff- und Energiebedarf aufweisen, ist die Versorgung des schwächer ausgebildeten Herzmuskels der Reptilien mit Sauerstoff nicht wie bei den Säugetieren und Vögeln über Herzkranzgefäße erforderlich. Der Sauerstoffgehalt des Mischblutes, der aufgrund der offenen Verbindung zwischen den Kammern im gesamten Herz nahezu konstant ist, genügt, um über Diffusion das Muskelgewebe ausreichend zu versorgen. Der Vorteil dieser Konstruktion besteht nun eben darin, daß die Gefahr eines Herzinfarkts nahezu ausgeschlossen ist. Die biologische Realität der Einheit von Bau und Funktion widerspricht dem Argument, das Herz der Reptilien sei primitiver gegenüber dem der Säugetiere.

Das Beispiel zeigt einmal mehr die Problematik, aus einer mutmaßlichen Unvollkommenheit von Organen irgendwelche Schlußfolgerungen zu ziehen. Man kann durchaus die Erwartung formulieren, daß in dem Maße, wie Funktionskenntnisse über Organe erweitert werden, Aussagen über "Primitivität" oder "Unvollkommenheit" von Organen fragwürdig oder gar unhaltbar werden - abgesehen davon, daß diese Kennzeichnungen gewöhnlich nicht näher definiert werden und kaum objektiv faßbar sind. [Brainerd E (1997) Efficient fish not faint-hearted. Nature 389, 229]

RJ