Neue chromosomale Arten von Mäusen in 20 Jahren
Abb. 1: Das Prinzip einer Robertsonschen Translokation. Bei einem akrozentrischen Chromosom befindet sich das Centromer, also die Einschnürung des Chromosoms, an der die Spindelfasern bei der Kernteilung ansetzen, am Ende des Chromosoms. Bei metazentrischen Chromosomen befindet sich das Centromer irgendwo in der Mitte. Durch die Robertsonsche Translokation verschmelzen zwei akrozentrische Chromosomen zu einem metazentrischen.

1916 beschrieb W. R. B. Robertson erstmals eine Chromosomenmutation, die sich als sehr bedeutsam für Artbildungsprozesse herausstellen sollte. Durch diese Mutation verschmelzen zwei akrozentrische Chromosomen zu einem metazentrischen (vgl. Abb. 1). Es handelt sich also um eine spezielle Translokation (Übertragung eines Chromosomenabschnitts - hier fast eines ganzen Chromosoms - auf ein nicht-homologes Chromosom), die nach ihrem Entdecker Robertsonsche Translokation genannt wird und häufig vorkommt. (Einen Überblick über Robertsonsche Translokationen geben Wolf & Winking 1996.) Die Folge einer Robertsonschen Translokation sind Störungen bei der Meiose, die zu Unfruchtbarkeit bei Hybridisierung von Rassen mit verschiedenen Translokationen führen können. Auf diese Weise können Artbarrieren auftreten und damit neue Arten entstehen.
Bei Mäusen ist das häufige Vorkommen von Robertsonschen Translokationen schon länger bekannt. In Europa sind Mäuse mit dem Standard-Karyotyp (2n = 40, nur telozentrische Chromosomen) unregelmäßig verbreitet und mit über 40 anderen Populationen vermischt, die aufgrund Robertsonscher Translokationen eine geringere Anzahl von Chromosomen besitzen. Insgesamt sind von 171 möglichen 124 Robertsonsche Translokationen bekannt, die meisten in Norditalien. Silvia Garagna und Mitarbeiter haben Mauspopulationen im Gebiet um Seveso studiert, wo aufgrund von Umweltschädigungen enorme Erdbewegungen und Landschaftsveränderungen vorgenommen wurden. Sie entdeckten Rassen mit neuen Robertsonschen Translokationen, die am einfachsten durch reziproke Austausche ganzer Chromosomenarme erklärt werden können. Diese Austausche haben sich sehr wahrscheinlich innerhalb von 20 Jahren (seit Beginn der Umweltänderungen) etabliert. Einen solch kurzen Zeitraum für die stabile Bildung neuer Rassen bzw. Arten hatte man vorher nicht für möglich gehalten, stellen Garagna et al. (1997) fest. Dies gilt insbesondere für Säugetiere. [Garagna S, Zucotti M, Redi CA & Capanna E (1997) Trapping speciation. Nature 390, 241-242; Wolf KW & Winking H (1996) Die Robertson'sche Translokation. Biol. in uns. Zeit 26, 116-124.]
RJ