Das kosmologische Argument für die Existenz Gottes

Autor/innen

  • Sandro Freiburghaus
2024-12-18

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Das kosmologische Argument für die Existenz Gottes

„Alles, was einen Anfang hat, hat eine Ursache.“ Diese einfache Aussage ist intuitiv einleuchtend und gleichzeitig überaus folgenschwer. Denn kombiniert man sie mit der naturwissenschaftlich immer stärker erhärteten Vermutung, dass das Universum einen Anfang hat, gelangt man zu einem bemerkenswerten Schluss: Das Universum hat eine Ursache. Und mehr als das: Eine Analyse der Eigenschaften dieser Ursache zeigt überraschende Parallelen zur traditionellen christlichen Vorstellung von Gott.

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Kompakt

Das kosmologische Argument für die Existenz Gottes basiert auf zwei Prämissen. Erstens: Alles, was einen Anfang hat, hat eine Ursache. Zweitens: Das Universum hat einen Anfang. Aus diesen zwei Prämissen folgt logisch zwingend die Schlussfolgerung, dass das Universum eine Ursache hat. In diesem Artikel wird argumentiert, dass es gute Gründe für beide Prämissen gibt und dass es daher rational ist, von einer Ursache des Universums auszugehen.

In einem zweiten Schritt wird aufgezeigt, dass diese Ursache des Universums zeitlos, immateriell, unveränderlich, unverursacht, unglaublich mächtig und wahrscheinlich persönlich ist, was genau der klassischen Definition Gottes entspricht. Das kosmologische Argument ist damit ein starker Hinweis auf die Existenz Gottes.

Einleitung

Die Frage nach der Existenz Gottes ist eine der ältesten Fragen der Menschheitsgeschichte. Seit Jahrhunderten wird sie quer durch alle Wissenschaftsdisziplinen hindurch kontrovers diskutiert. Auf Seiten derjenigen, die für die Existenz eines Gottes argumentieren, lassen sich in der Literatur drei Hauptarten von sogenannten Gottesbeweisen finden.

Nach dem ontologischen Gottesbeweis wird allein aufgrund der Bedeutung des Gottesbegriffes gefolgert, dass ein göttliches Wesen in der Realität existieren muss. Die erste Formulierung dieses Gottesbeweises wird Anselm von Canterbury zugeschrieben. Er definierte Gott als etwas, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, und argumentierte, dass das Größte, was man sich denken kann, nicht nur in der Vorstellung, sondern auch in der Realität existieren muss. Wenn Gott also das Größte ist, was man sich denken kann, muss er in der Realität existieren (Bromand & Kreis 2011, 32).

Eine bekannte Variante des teleologischen Gottesbeweises basiert auf der unvorstellbaren Feinabstimmung der Naturgesetze und der physikalischen Konstanten in unserem Universum. Nach diesem Gottesbeweis ist die beste Erklärung für eine solche Feinabstimmung ein Schöpfer (oder Designer), der das Universum mit einem Ziel und zu einem Zweck exakt so geschaffen hat, dass Leben möglich ist (Collins 2012, 202).

In diesem Artikel konzentriere ich mich auf die dritte Art der Gottesbeweise, den kosmologischen Gottesbeweis. Eine der gebräuchlichsten Formen dieses Beweises ist die sogenannte kalãm-Form, welche ihren Namen vom arabischen Wort für „Rede“ erhalten hat, da diese Form des Gottesbeweises im Mittelalter von muslimischen Gelehrten aufgestellt und später von christlichen Philosophen weiterentwickelt wurde. Das Argument kann wie folgt formuliert werden:

Erste Prämisse: Alles, was einen Anfang hat, hat eine Ursache.

Zweite Prämisse: Das Universum hat einen Anfang.

Schlussfolgerung: Das Universum hat eine Ursache.

Dieser Gottesbeweis ist als sogenanntes deduktives Argument aufgebaut. Das bedeutet, dass die Schlussfolgerung logisch zwingend aus den beiden Prämissen folgt. Wenn die beiden Prämissen wahr sind, dann muss zwingend und unausweichlich auch die Schlussfolgerung wahr sein. Der entscheidende Punkt in diesem Argument ist also die Frage, ob die beiden Prämissen wirklich wahr sind. Ich werde in diesem Artikel daher in einem ersten Teil dafür argumentieren, dass wir gute Gründe haben, davon auszugehen, dass die Wahrheit beider Prämissen wahrscheinlicher ist als ihre Negation. Dies bedeutet, dass es rational ist, die Schlussfolgerung für wahr zu halten. In einem zweiten Schritt werde ich dann diskutieren, welche Eigenschaften diese Ursache des Universums aufweisen muss. Wir werden dabei sehen, dass die notwendigen Eigenschaften der Ursache des Universums genau mit denjenigen übereinstimmen, die in einer monotheistischen Sicht Gott zugeschrieben werden. Damit werde ich zeigen, dass das kosmologische Argument ein überzeugender Beweis für die Existenz eines monotheistischen Gottes ist.

In einem abschließenden Fazit werde ich die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen und kurz auf die Grenzen des kosmologischen Gottesbeweises eingehen.

Erste Prämisse: Alles, was einen ­Anfang hat, hat eine Ursache

Die meisten Menschen akzeptieren diese Prämisse als offensichtlich wahr, da sie unserem intuitiven Wissen entspricht, dass nichts einfach unverursacht aus dem Nichts entstehen kann (Craig 2008, 111). Denn wäre dies möglich, dann müssten wir erwarten, dass wir dauernd auf Dinge stoßen, die einfach plötzlich unverursacht aus dem Nichts auftauchen. Da wir dies in unserem Alltag nicht erleben, liegt die Überzeugung nahe, dass alles, was einen Anfang hat, auch eine Ursache hat. William Lane Craig, einer der weltweit führenden Experten in Bezug auf das kalãm-Argument, kommt daher zu folgendem Schluss: „Die erste Prämisse ist intuitiv so offensichtlich, besonders wenn sie auf das Universum angewendet wird, dass wahrscheinlich niemand, der bei klarem Verstand ist, wirklich glaubt, dass sie falsch ist“ (Craig 2000, 141).1

Dennoch haben in letzter Zeit einige Skeptiker damit begonnen, diese Prämisse in Frage zu stellen. So war zum Beispiel J. L. Mackie der Meinung, dass wir die Möglichkeit einer unverursachten Entstehung des Universums nicht einfach a priori als unakzeptabel ablehnen können. Basierend auf den Philosophen David Hume (1711–1776) argumentiert er, dass es durchaus möglich ist, sich einen unverursachten Anfang vorzustellen. Er schreibt: „Es gibt a priori keinen triftigen Grund, warum ein bloßes Entstehen von Dingen, das durch nichts determiniert ist, inakzeptabel sein sollte“ (Mackie 1982, 94).2 Mackies Argument ist dabei nicht, dass er triftige Gründe aufführt, weshalb es tatsächlich vorkommen könnte, dass etwas unverursacht entsteht. Er bestreitet lediglich, dass wir die erste Prämisse einfach so als gegeben ansehen können.

Doch Mackies Argument gegen die erste Prämisse ist bei genauerer Betrachtung nicht überzeugend. Philosophen haben schon längst darauf hingewiesen, dass die bloße Möglichkeit eines unverursachten Anfangs noch lange nicht bedeutet, dass dies auch wirklich plausibel ist. Nur weil etwas theoretisch möglich ist, heißt das noch lange nicht, dass es rational ist, daran zu glauben. Selbst wenn Mackie also recht haben sollte und es theoretisch möglich wäre, dass etwas unverursacht aus dem Nichts entsteht, so beweist unsere tagtägliche Erfahrung doch, dass verursachte Anfänge viel plausibler sind als unverursachte. Daher bleibt es die rationalere Haltung, an der ersten Prämisse festzuhalten, selbst wenn Mackies Gedankenspielerei erfolgreich wäre. Die Forderung von Mackie, nur dann an der ersten Prämisse festzuhalten, wenn die Unmöglichkeit eines unverursachten Ursprungs zweifelsfrei bewiesen ist, ist daher komplett überzogen. Selbst David Hume, auf den sich Mackie bei seiner Argumentation bezieht, betonte, dass seine Überlegungen ihn nicht dazu gebracht haben, das in der ersten Prämisse festgehaltene Prinzip abzulehnen. In einem Brief an John Stewart schrieb er 1754: „Ich habe nie eine so absurde Behauptung aufgestellt, dass etwas ohne Ursache entstehen könne“ (Grieg 1932, 187).3

Figure 1. Abb. 1 Illustration der zunehmenden Entfernung von Galaxien aufgrund des expandierenden Universums. (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Universe_expansion-de.svg)

Ein zweiter Einwand, der in jüngerer Zeit häufig gegen die erste Prämisse eingebracht wurde, bezieht sich auf die Entdeckungen der Quantenphysik. Es wird gesagt, dass sich auf sub-atomarem Level Ereignisse abspielen, die unverursacht sind, und dass diese deshalb Ausnahmen vom Prinzip der Verursachung darstellen. Könnte nicht auch die unverursachte Entstehung des Universums eine solche Ausnahme der ersten Prämisse sein?

Dieser Einwand basiert auf einem falschen Verständnis der Quantenphysik. Erstens ist nicht klar, dass diese Phänomene in der Quantenphysik wirklich als unverursacht zu interpretieren sind. Viele Physiker sehen große Schwierigkeiten mit dieser Interpretation (der sogenannten Kopenhagener Interpretation) und erforschen daher deterministische Erklärungstheorien (Craig 2008, 114). Es ist also nicht bewiesen, dass die Quantenphysik Ausnahmen zur ersten Prämisse beinhaltet. Zweitens – und das ist der entscheidende Punkt – kommt die Entstehung der quantenphysikalischen Teilchen sogar gemäß der Kopenhagener Interpretation nicht aus dem Nichts, sondern aus spontanen Fluktuationen entsprechender Quantenfelder. Sie sind also nicht unverursacht, sondern besitzen einfach keine deterministische Ursache für ihre Entstehung (Craig 2008, 114; vgl. Abb. 2).

Wir halten also fest, dass die Einwände gegen die erste Prämisse nicht überzeugend sind. Es ist daher rational, unserer intuitiven Überzeugung und Erfahrung zu vertrauen, wonach alles, was einen Anfang hat, auch eine Ursache hat.

Figure 2. Abb. 2 Der Zerfallszeitpunkt eines radioaktiven Elements kann nicht genau vorhergesagt werden. Dennoch liegt eine Ursache für den Zerfall vor, nämlich der metastabile Zustand des Atomkerns. (AdobeStock)

Zweite Prämisse: Das Universum hat einen Anfang

Die zweite Prämisse behauptet, dass das Universum einen Anfang hat. Lange Zeit besagte die vorherrschende naturwissenschaftliche Meinung, dass das Universum seit jeher in einem stationären Zustand existiert hat. Erst im 20. Jahrhundert wurde diese sogenannte Steady-State-Theorie ernsthaft in Frage gestellt, als Alexander Friedman und Georges Lemaître unabhängig voneinander Modelle aufstellten, die ein expandierendes Universum vorhersagten. Damit war es nicht länger möglich, das Universum als eine statische, zeitlose Entität zu betrachten (Craig 2002, 101). Heute geht eine Mehrheit der Experten davon aus, dass das Universum einen definierten Anfang vor ungefähr 13.8 Milliarden Jahren hat. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Diskussion um das Alter des Universums eingehen. Für unsere Fragestellung ist einzig die Tatsache relevant, dass sich fast alle Experten darin einig sind, dass das Universum einen Anfang hat. Für diese Annahme sprechen sowohl naturwissenschaftliche als auch philosophische Argumente. Wir wollen an dieser Stelle die drei stärksten betrachten.

Als erstes betrachten wir das oben bereits kurz erwähnte naturwissenschaftliche Argument, das auf der Expansion des Universums beruht (Abb. 1). Kurz nachdem Albert Einstein seine allgemeine Relativitätstheorie aufgestellt hatte, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass seine Formeln nur mit großer Mühe überhaupt ein statisches und ewiges Modell des Universums zuließen, das überdies sehr instabil war. Friedman und Lemaître lösten dieses Problem, indem sie ein expandierendes Modell des Universums aufstellten. Nur wenige Jahre später entdeckte der amerikanische Astronom Edwin Hubble die sogenannte Rotverschiebung von weit entfernten Galaxien. Darunter versteht man ein Phänomen analog zum Doppler-Effekt des Lichts, das auftritt, wenn sich die Lichtquelle vom Betrachter entfernt und damit das Licht zum roten Ende des Spektrums verschiebt. Damit hatte Hubble ein starkes Indiz entdeckt, das die theoretische Vorhersage von Friedman und Lemaître bestätigte, nämlich dass sich Galaxien voneinander entfernen, weil sich das Universum ausdehnt. Im Jahr 2003 haben Arvind Borde, Alan Guth und Alexander Vilenkin außerdem ein Theorem aufgestellt (BGV-Theorem), das belegt, dass jedes Universum, das sich im Durchschnitt ausdehnt, einen Anfang haben muss (Borde, Guth und Vilenkin, 2003). Vilenkin schrieb dazu: „Mit dem jetzt vorliegenden Beweis können sich Kosmologen nicht länger hinter der Möglichkeit eines Universums mit einer ewigen Vergangenheit verstecken“ (Vilenkin 2006, 176).4

Viele Physiker haben versucht, alternative Modelle zu entwickeln, die ohne die Annahme einer durchschnittlichen Ausdehnung des Universums auskommen, um damit dem BGV-Theorem zu entkommen. Prominente Beispiele sind die Theorie der ewigen Inflation, zyklische (bzw. oszillierende) Modelle oder die Idee des sogenannten emergentuniverse, gemäß der das Universum in einer ersten, unendlichen Phase wie ein statischer Same existierte, aus dem das Universum dann zu expandieren begann. In einem bemerkenswerten Aufsatz haben Audrey Mithani und Alexander Vilenkin (der übrigens wesentlich an der Formulierung von Modellen mit ewiger Inflation beteiligt war) im Jahr 2012 allerdings gezeigt, dass keines dieser alternativen Modelle einen Anfang des Universums vermeiden kann. Sie schreiben: „Hat das Universum einen Anfang? An diesem Punkt scheint die Antwort auf diese Frage wahrscheinlich ja zu sein. Wir haben drei Szenarien besprochen, die einen Weg zu bieten schienen, einen Anfang zu vermeiden, und wir haben festgestellt, dass keines dieser Szenarien tatsächlich eine ewige Vergangenheit hat“ (Mithani und Vilenkin 2012, 5).5

Das zweite Argument für den Anfang des Universums, das wir betrachten wollen, ist ebenfalls ein naturwissenschaftliches. Es handelt sich dabei um die kosmologischen Implikationen des zweiten Satzes der Thermodynamik. Dieses Gesetz beschreibt, dass in einem geschlossenen, isolierten System (wie es das Universum zu sein scheint) die Menge an brauchbarer Energie abnimmt, was dazu führt, dass das System zu einem Zustand des Gleichgewichts tendiert, in dem keine weiteren Veränderungen innerhalb des Systems mehr möglich sind. Diesen Zustand nennt man den Wärmetod des Universums. Die Implikation dieses Gesetzes für unsere Frage nach dem Anfang des Universums ist offensichtlich. Craig hat sie treffend formuliert: „Wenn das Universum nach ausreichender Zeit einen Wärmetod erleiden wird, warum befindet es sich dann, wenn es schon immer existiert hat, nicht jetzt schon im Zustand dieses Wärmetodes?“ (Craig 2008, 141)6 Die Tatsache, dass unser Universum noch nicht in diesem Gleichgewicht ist, in dem alle nutzbare Energie aufgebraucht ist, lässt keinen anderen Schluss zu, als dass unser Universum nicht seit ewig existiert, sondern einen zeitlichen Anfang hat.

Betrachten wir nun noch ein philosophisches Argument, das gegen ein statisches, ewiges Universum spricht. Das Argument ergibt sich aus der Tatsache, dass ein ewiges Universum bereits eine aktual unendliche7 Anzahl an vergangenen Momenten durchlaufen haben müsste, um bis zum jetzigen Moment gelangt zu sein. Doch dies führt zu philosophischen Schwierigkeiten, da eine aktuale Unendlichkeit im Gegensatz zur potenziellen Unendlichkeit in der Realität nicht existieren kann.

Figure 3. Abb. 3 Illustration von ­Hilberts Hotel.

Betrachten wir dazu die bekannte Illustration des deutschen Mathematikers David Hilbert. Hilbert beschreibt ein fiktives Hotel, in dem es eine unendliche Anzahl Zimmer gibt (Abb. 3). Stellen wir uns vor, dass jedes dieser Zimmer besetzt ist und nun ein weiterer Gast einchecken will. In diesem unendlichen Hotel ist es möglich, diesen Gast aufzunehmen. Dazu wird einfach der Gast vom Zimmer #1 in das Zimmer #2 verlegt, der Gast vom Zimmer #2 in das Zimmer #3, und so weiter. Auf diese Weise wird Zimmer #1 leer und steht nun für den neuen Gast zur Verfügung. Hilberts Hotel hat also die Fähigkeit, einen zusätzlichen Gast aufzunehmen, obwohl es bereits vorher komplett besetzt war. Dazu kommt, dass nach dem Einchecken des neuen Gasts die Gesamtzahl an Gästen gleichgeblieben ist, nämlich unendlich. Diese absurden Gedankenexperimente deuten darauf hin, dass in der Realität keine aktual unendlichen Mengen möglich sein können. Craig schreibt dazu: „Es gibt ganz einfach keinen Weg, diese Absurditäten zu vermeiden, sobald wir die Möglichkeit der Existenz von aktualer Unendlichkeit zulassen“ (Craig 2002, 96)8. Wenn es also in der Realität keine aktual unendliche Anzahl an Dingen geben kann, dann schließt das auch die Möglichkeit einer unendlichen Anzahl an vergangenen Zeitmomenten aus. Dies bedeutet, dass bis heute noch nicht eine unendliche Anzahl an Zeitmomenten vergangen ist, was gleichbedeutend mit der Aussage ist, dass das Universum einen zeitlichen Anfang hat.

An dieser Stelle könnte aus christlicher Sicht folgender Einwand eingebracht werden: Gehört es nicht zum Wesen Gottes, dass er ewig ist? Würde die Unmöglichkeit einer aktual unendlichen Menge an vergangenen Zeitmomenten damit nicht auch die ewige Existenz Gottes in Frage stellen? Dieser Einwand basiert meiner Ansicht nach auf einem falschen Verständnis des göttlichen Attributs der Ewigkeit. Wenn Gott als ewig bezeichnet wird, dann wird damit traditionell nicht ausgedrückt, dass er seit einer aktual unendlichen Anzahl von Zeitmomenten existiert, sondern dass er im Gegenteil gerade außerhalb der Zeit in einer ewigen Gegenwart existiert. John MacArthur und Richard Mayhue schreiben dazu: „Gott transzendiert vollkommen alle Begrenzungen der Zeit, sodass er ohne Anfang, ohne Ende und auch ohne Aufeinanderfolge von Zeitelementen […] ist“ (Mac­Arthur & Mayhue 2020, 231) [Hervorhebung durch den Verf.]. Die Ewigkeit als Attribut Gottes wird durch die Unmöglichkeit der aktualen Unendlichkeit also nicht tangiert, da Gott außerhalb der Zeit steht und seine Ewigkeit damit nicht die Existenz einer unendlichen Menge an aufeinanderfolgenden Zeitmomenten impliziert. Ganz anders präsentiert sich der Fall beim Universum. In unserem Universum sind Raum und Zeit untrennbar miteinander verknüpft. Unser Universum kann nicht außerhalb der Zeit existieren. Damit würde eine ewige Existenz des Universums tatsächlich eine aktual unendliche Anzahl von Zeitmomenten bedeuten, was gemäß obenstehender Diskussion unmöglich scheint.

Wir halten also fest, dass die zweite Prämisse des kosmologischen Arguments durch Argumente aus Naturwissenschaft und Philosophie gestützt wird und dass Gegenargumente wenig überzeugend sind. Es ist daher rational, anzunehmen, dass das Universum einen Anfang hat.

Schlussfolgerung: Das Universum hat eine Ursache

Wir haben nun gesehen, dass sowohl starke philosophische als auch naturwissenschaftliche Argumente für die beiden Prämissen des kosmologischen Gottesbeweises sprechen. Es ist daher rational, zu glauben, dass die beiden Prämissen auf jeden Fall wahrscheinlicher wahr als falsch sind. Da das kosmologische Argument also valide ist, folgt aus den beiden Prämissen logisch zwingend und unausweichlich die Schlussfolgerung. Es ist daher ebenfalls rational anzunehmen, dass die Schlussfolgerung wahrscheinlich wahr ist. Das Universum hat also eine Ursache.

Als nächstes stellt sich nun die Frage, welche Eigenschaften diese Ursache des Universums hat. Es ist offensichtlich, dass die Ursache selbst außerhalb des Universums liegt. Das bedeutet, dass die Ursache nicht durch Dinge charakterisiert sein kann, die erst mit dem Universum entstanden sind. Die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass Raum, Zeit und Materie mit dem Beginn des Universums angefangen haben. Die Ursache des Universums muss also nichträumlich, immateriell und zeitlos sein. Die Zeitlosigkeit der Ursache bringt laut Craig noch weitere Eigenschaften mit sich, wie zum Beispiel die Unveränderlichkeit (weil eine Veränderung immer in der Zeit geschehen muss) und die Anfangslosigkeit (Craig 2002, 107). Außerdem können wir davon ausgehen, dass die Ursache selbst unverursacht ist, weil wir es sonst mit einer unendlichen Regression von Ursachen zu tun bekommen. Schließlich muss diese Ursache auch überaus mächtig sein, da sie so etwas Gewaltiges wie das gesamte Universum aus dem Nichts erschaffen konnte (Craig 2008, 152).

Die wichtigste und erstaunlichste Eigenschaft dieser Ursache ist aber, dass sie wahrscheinlich persönlich ist. Die folgenden drei Argumente sprechen für diese Annahme. Das erste Argument folgt aus der Tatsache, dass wir nur zwei Arten von Erklärungen kennen: Wissenschaftliche und persönliche Erklärungen. Wenn man nach der Erklärung für die Existenz eines Autos fragt, dann kann man entweder die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge erklären, die dem Auto zugrunde liegen, oder auf die Kreativität von Carl Benz hinweisen, der als der Erfinder des ersten Autos gilt. Beide Erklärungen sind absolut legitim, auch wenn sie ganz unterschiedliche Erklärungsaspekte betreffen. Im Zusammenhang mit der Entstehung des Universums ist es unmöglich, eine wissenschaftliche Erklärung zu geben, da es vor dem Universum noch keine Materie und keine Naturgesetze gab, die als wissenschaftliche Erklärung dienen könnten. Daher bleibt als einzige Möglichkeit die persönliche Erklärung (Craig 2008, 152).

An dieser Stelle könnte man zurecht einwenden, dass dieses Argument nicht absolut zwingend ist. Aus der Tatsache, dass wir keine wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung des Universums haben, folgt nicht logisch zwingend, dass es dafür eine persönliche Erklärung geben muss. Es ist theoretisch durchaus denkbar, dass es noch andere Arten von Erklärungen gibt, von denen wir nichts wissen. Das Argument ist also nicht deduktiv. Das heisst, es sagt nicht, dass die Ursache des Universums persönlich sein muss. Vielmehr ist das Argument ein sogenannter Schluss auf die beste Erklärung (Inference to the Best Explanation). Da wir schlicht keine bessere und überzeugendere Erklärung für den Ursprung des Universums kennen als die persönliche Erklärung, ist es plausibel anzunehmen, dass die Ursache des Universums persönlich ist.

Das zweite Argument für die Persönlichkeit der Ursache folgt aus ihrer Existenz jenseits von physikalischer Zeit und Materie. Wir kennen nur zwei Arten von Entitäten, die diese Eigenschaften aufweisen: entweder ein persönlicher Verstand oder ein abstraktes Objekt wie zum Beispiel eine Zahl. Da abstrakte Objekte nie eine kausale Wirkung haben können, fallen sie als mögliche Ursache des Universums weg. Es bleibt also nur ein persönlicher Verstand (Craig 2002, 108).

Das dritte Argument basiert auf einer seltsamen Konsequenz dessen, was wir bisher festgehalten haben. Wir haben gesehen, dass die Ursache für das Universum zeitlos und unveränderlich ist. Dies wirft die Frage auf, weshalb der Effekt (also das Universum) nicht ebenso zeitlos ist. Craig formuliert das scheinbare Problem wie folgt: „Wie kann es sein, dass all die kausalen Bedingungen, die für die Entstehung des Effekts genügen, unveränderlich existieren, und der Effekt trotzdem nicht parallel zur Ursache ewig existiert?“ (Craig 2008, 153).9 Die einzige Lösung für dieses Problem scheint darin zu liegen, dass die Ursache des Universums eine Person ist, die sich freiwillig dafür entschieden hat, das Universum in der Zeit zu erschaffen.

Wir haben also gute Gründe, davon auszugehen, dass die Ursache des Universums auch persönlich ist.

Schlussergänzung

Wir haben in diesem Artikel gezeigt, dass es rational ist zu glauben, dass alles, was einen Anfang hat, auch eine Ursache hat. Wir haben außerdem gezeigt, dass das Universum einen Anfang hat. Daraus folgt unweigerlich, dass das Universum eine Ursache hat. Diese Ursache ist zeitlos, immateriell, unveränderlich, unverursacht, unglaublich mächtig und wahrscheinlich persönlich. Wenn wir diese Eigenschaften der Ursache unseres Universums anschauen, dann können wir unschwer feststellen, dass diese Eigenschaften sehr genau ein Wesen beschreiben, das wir traditionell Gott nennen. Der Kleine Westminster Katechismus definiert den Gott der Bibel beispielsweise wie folgt: „Gott ist ein Geist, unendlich, ewig und unveränderlich in seinem Wesen“ (Westminster Shorter Catechism: Question 4).10 Die Parallelen zwischen dieser Definition und den Eigenschaften der Ursache des Universums, die sich logisch aus dem kosmologischen Argument ergeben, sind augenfällig. Das kosmologische Argument ist damit ein überzeugender Beweis für die Existenz Gottes.

Doch das kosmologische Argument hat auch seine Grenzen. So gibt uns dieses Argument zum Beispiel keine Hinweise über den moralischen Charakter der transzendenten Ursache des Universums. Außerdem sagt das kosmologische Argument nichts zu den entscheidendsten Fragen des christlichen Glaubens wie zum Beispiel dazu, ob Jesus Christus tatsächlich die Inkarnation Gottes ist und ob wir durch seinen Tod und seine Auferstehung gerettet werden.

Das kosmologische Argument allein ist also nicht in der Lage, die Wahrheit des gesamten christlichen Glaubens zu beweisen. Doch das ist auch nicht seine Aufgabe, da wir neben diesem Argument noch eine Vielzahl an anderen Argumenten haben, die die unterschiedlichen Aspekte des christlichen Glaubens belegen. Das kosmologische Argument stellt aber einen der stärksten Beweise dafür dar, dass unser Universum tatsächlich durch Gott verursacht wurde und dass es daher rational ist, an die Existenz eines Gottes zu glauben.

Anmerkungen

1 Originalzitat: „The first premise is so intuitively obvious, especially when applied to the universe, that probably no one in his right mind really believes it to be false.“

2 Originalzitat: „There is a priori no good reason why a sheer origination of things, not determined by any­thing, should be unacceptable.“

3 Originalzitat: „I never asserted so absurd a proposition as that anything might arise without a cause.“

4 Originalzitat: „With the proof now in place, cosmologists can no longer hide behind the possibility of a past-eternal universe.“

5 Originalzitat: „Did the universe have a beginning? At this point, it seems that the answer to this question is probably yes. Here we have addressed three scenarios which seemed to offer a way to avoid a beginning, and have found that none of them can actually be eternal in the past.“

6 Originalzitat: „If, given sufficient time, the universe will suffer heat death, then why, if it has existed for­ever, is it not now in a state of heat death?“

7 Aktuale Unendlichkeit bezeichnet im Gegensatz zur potenziellen Unendlichkeit die tatsächliche Existenz eines unendlich großen Gegenstandsbereiches.

8 Originalzitat: „There is simply no way to avoid these absurdities once we admit the possibility of the existence of an actual infinite.“

9 Originalzitat: „How can all the causal conditions sufficient for the production of the effect be changelessly existent and yet the effect not also be existent along with the cause?“

10 Originalzitat: „God is a Spirit, infinite, eternal, and unchangeable, in his being.“

Literatur

Borde A, Guth A & Vilenkin A (2003) Inflationary spacetimes are not past-complete. Physical Review Letters 90:151301.

Bromand J & Kreis G (2011) Gottesbeweise von Anselm bis Gödel. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Collins R (2012) The Teleological Argument: An Exploration of the Fine-Tuning of the Universe. In Craig WL & Moreland JP (Hg) The Blackwell Companion to Natural Theology. Malden, MA: Blackwell Publishing Ltd., S. 202–281.

Craig WL (2000) TheKalam Cosmological Argument. Eugene, OR: Wipf and Stock Publishers.

Craig WL (2002) TheKalam Cosmological Argument. In: Craig WL (Hg) Philosophy of Religion: A Reader and Guide. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press, S. 92–113.

Craig WL (2008) Reasonable Faith: Christian Truth and Apologetics. Wheaton, IL: Crossway.

Grieg JYT (Hg) (1932) The Letters of David Hume, Volume I. Oxford: Oxford University Press.

MacArthur J & Mayhue R (Hg) (2020) Biblische Lehre – Eine systematische Zusammenfassung biblischer Wahrheit. Berlin: EBTC Europäisches Bibel Trainings Centrum e. V.

Mackie JL (1982) The Miracle of Theism: Arguments for and against the Existence of God. Oxford: Clarendon Press.

Mithani A & Vilenkin A (2012) Did the Universe have a Beginning? Physical Review D: Particles and Fields 46 (6).

Vilenkin A (2006) Many Worlds in One: The Search for Other Universes. New York, NY: Hill and Wang.

Westminster Shorter Catechism: Question 4, Westminster Shorter Catechism Project, 21. Mai 2019, besucht am 05. Januar 2021, https://www.shortercatechism.com/resources/wsc/wsc_004.html.v

„Alles, was einen Anfang hat, hat eine Ursache.“ Diese einfache Aussage ist intuitiv einleuchtend und gleichzeitig überaus folgenschwer. Denn kombiniert man sie mit der naturwissenschaftlich immer stärker erhärteten Vermutung, dass das Universum einen Anfang hat, gelangt man zu einem bemerkenswerten Schluss: Das Universum hat eine Ursache. Und mehr als das: Eine Analyse der Eigenschaften dieser Ursache zeigt überraschende Parallelen zur traditionellen christlichen Vorstellung von Gott.


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