„Homo“ luzonensis 2.0?

Autor/innen

  • Benjamin Scholl
2025-11-04

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„Homo“ luzonensis 2.0?

Im Jahr 2019 war anhand von nur 13 fossilen Zahn- und Knochenfunden von der philippinischen Insel Luzon die neue Menschenart Homo luzonensis vorgestellt worden. Die ca. 67.000 rJ (radiometrische Jahre) alten Fossilien besitzen einen einzigartigen Merkmalsmix aus menschenähnlichen und einzigartigen Zahnmerkmalen und vor allem Australopithecus-ähnlichen Hand- und Fußknochen. Daher hatte Scholl (2021) die Zuordnung zur Gattung Homo als voreilig kritisiert.

Mit einer neuen Studie von Zanolli und Kollegen (2022) sollte nun die Abstammung von „Homo“ luzonensis anhand der Zahnstruktur der Vor- und Backenzähne mithilfe von µCT (Mikro-Computertomografie) untersucht werden. Bereits in der Aufzählung ihres Vergleichsmaterials fällt auf, dass die von Scholl (2021) kritisierte mangelnde Repräsentation von Vergleichsarten für luzonensis auch auf die neue Studie zutrifft. Australopithecus sowie andere ausgestorbene und lebende Großaffengattungen wurden komplett ignoriert; Zanolli et al. (2022) verwendeten nur fünf (!) Vergleichsarten: den angeblichen „Homo“ habilis (inkl. rudolfensis; vgl. Brandt 2017, 83–92) sowie die echten Menschen Homo erectus (inkl. ergaster), H. floresiensis, Neandertaler (inkl. H. heidelbergensis) und H. sapiens.

Zanolli et al. (2022) untersuchten verschiedene Zahnmerkmale. Von vier Messungen des Zahnschmelzes (ebd., Fig. 2) fällt Homo luzonensis nur einmal aus dem Bereich des modernen Menschen heraus (und damit weniger häufig als „Homo“ habilis). Außerdem errechneten die Autoren Prokrustus-Analysen (Formenvergleiche) für die Umrisse der Zahnkronen. Nur der erste Vorbackenzahn (P3) und der dritte Backenzahn (M3) lagen in bzw. am Rand des Variationsbereiches von Homo erectus, während die anderen drei  Vor-/Backenzähne einzigartig waren. Beim multimetrischen Vergleich des inneren Schmelz-Dentin-Überganges (ebd., Fig. 4–5) ähnelten vier Messwerte Homo erectus und fünf waren einzigartig. Der Vergleich hinsichtlich der Wurzeln und Pulpahöhlen ist methodisch problematisch, da deren Vielfalt bei den Vergleichsarten zu groß war und zu wenig Vergleichsarten mit einbezogen waren, wobei sogar „Homo“ habilis fehlte. Insgesamt sahen Zanolli et al. (2022) aber die größte Ähnlichkeit der äußeren und inneren Zahnmorphologie (inkl. Pulpahöhlen) von luzonensis mit Homo erectus und nicht mit „Homo“ habilis, der diesbezüglich „Australopithecus-ähnliche Merkmale“ aufwies.

Figure 1. Abb. 1 Aufsicht auf die Vor-/Backenzähne von Australopithecus afarensis, „Homo“ luzonensis und Homo sapiens. (Scholl 2021 nach Détroit et al. 2019)

Allerdings bleiben wesentliche Gründe bestehen, die gegen eine Zuordnung von luzonensis zur Gattung Homo und gegen die daraus abgeleitete Hypothese der Abstammung von Homo erectus sprechen (vgl. Scholl 2021): Erstens ist das Fundmaterial von luzonensis viel zu fragmentarisch und es fehlen genetische Informationen. Zweitens sind die wenigen Knochenfunde des Körperskeletts am ähnlichsten zu „Homo“ habilis oder Australopithecus – wie auch Zanolli et al. (2022) anerkennen. Drittens besteht ein großer Mangel an Vergleichsarten. Collard & Wood (2015; bei Brandt 2017, 85) hatten für die Zugehörigkeit einer Art zur Gattung Homo festgelegt, dass diese in Bezug auf sechs Kriterien (z. B. Entwicklungsdauer) Homo sapiens ähnlicher sein muss als Australopithecus. Von diesen Kriterien liegen bei luzonensis nur von der Zahn- und Kiefermorphologie einige verwertbare Daten vor. Da aber auch kein Vergleich der Zähne mit Aus­tralopithecus stattfand und von „Homo“ habilis gar kein vergleichbares Material der inneren Zahnstruktur der oberen Zähne vorliegt, kann dementsprechend keine gut begründete Aussage über die Zugehörigkeit von luzonensis zur Gattung Homo getroffen werden. Und viertens ist selbst das vorgestellte Zahnmaterial nur teilweise Homo erectus und noch weniger Homo sapiens ähnlich.

So hält auch Muir (2020) „zukünftige Kritik an dieser Benennung“ von „Homo“ luzonensis für „wahrscheinlich“. Sie vermutet „strukturelle und menschliche Faktoren“ als Gründe für die vorschnelle Benennung einer neuen Homo-Art: Das „Erschaffen“ und Publizieren einer neuen Art in einem renommierten Journal und die folgende mediale Berichterstattung stelle genau den „entscheidenden Moment“ in der Paläoanthropologie dar, um Aufmerksamkeit zu gewinnen und an Fördergelder und Festanstellungen zu kommen.

Da nun aber die aktuelle fachliche Datenlage noch keine begründete Zuordnung von luzonensis zur Gattung Homo (bzw. zum erschaffenen Grundtyp des echten Menschen) zulässt, muss man wohl vorerst die Entdeckung neuer Funde abwarten.

[Brandt M (2017) Frühe Homininen. Eine Bestandsaufnahme anhand fossiler und archäologischer Zeugnisse. SCM Hänssler • Muir B (2020) Let’s Talk about Species, Baby! Taxonomy and Species Concepts in the Context of Homo luzonensis. Am. J. Undergrad. Res. 10, 77–87 • Scholl B (2021) Homo luzonensis: Trotz seines Gattungsnamens wahrscheinlich kein Mensch. W+W Special Paper B-21-1. https://www.wort-und-wissen.org/wp-content/uploads/b-21-1_luzonensis.pdf • Zanolli C et al. (2022) Further analyses of the structural organization of Homo luzonensis teeth: Evolutionary implications. J.Hum. Evol. 163, 103124] B. Scholl


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