Ein Überraschungsfund vom Berg Ebal: „Sei verflucht durch El-Jahu!“

Autor/innen

  • Scott Stripling
  • Abigail Leavitt
  • Peter Van der Veen
2025-12-22

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Im Schutt einer Grabung am Berg Ebal entdeckten Scott Stripling und Abigail Leavitt eine fast 3.500 Jahre alte beschriebene Fluchtafel aus Blei, deren Inhalt mit der biblischen Landnahme unter Josua in Verbindung stehen könnte. Eine epigraphische Studie, an der sich Peter van der Veen beteiligte, steht vermutlich in Zusammenhang mit Aussagen aus Deuteronomium (5. Mose) und Josua in der Bibel und erwähnt sogar eine Kurzform des Gottesnamens Jahwe. Der vorliegende Artikel fasst einen wissenschaftlichen Aufsatz in Heritage Science zusammen.

Introbild Luftaufnahme des Berg-Ebal-Altars mit dem umliegenden Bergland im Hintergrund. (Foto: Aaron Lipkin)

Kompakt

Im Schutt einer älteren Grabung auf dem aus der Bibel bekannten Berg Ebal entdeckten die ersten beiden Autoren eine winzige Bleitafel, deren Fluch-Inschrift eine Verbindung zur biblischen Landnahme unter Josua herzustellen scheint. Da der gefaltete Bleistreifen nicht mehr geöffnet werden konnte, wurden an der Universität von Prag tomographische Scans erstellt, die Teile der inneren Inschrift sichtbar machten. Die Schriftzeichen legen nahe, dass die Tafel aus der Zeit der Landnahme oder aus der früheren Richterzeit stammen könnte. Die Inschrift nennt zudem eine Kurzform des Gottesnamens Jahwes. Dies dürfte eine der ältesten Erwähnungen des Gottesnamens sein. Auch lässt der Fluchtext eine Verbindung mit Ereignissen in 5. Mose 37 und Josua 8 zu.

Einleitung

Wenn die Berge rund um das antike Sichem sprechen könnten, hätten sie eine Menge zu erzählen. Im Alten Testament wird Sichem insgesamt 60-mal erwähnt. Hier, bei Elon More, schloss Abram den Bund mit Gott (1. Mose 12,6–7). Hier begruben die Israeliten die Gebeine Josefs, die sie aus Ägypten mitgenommen hatten (2. Mose 13,19; Jos 24,32). Und hier grub Jakob einen Brunnen, den Jesus später als Begegnungsort mit einer samaritanischen Frau nutzte (Joh 4,5–26). Hier erneuerte Josua nach den Eroberungen bei Jericho und Ai den abrahamischen Bund mit Israel (Jos 6–8), indem vom Berg Garizim Segen und vom Berg Ebal Flüche ausgesprochen wurden. Übrigens lag die Stadt Sichem zwischen den beiden Bergen. Im Rahmen dieser komplexen Zeremonie errichtete Josua einen Altar auf dem Berg Ebal: „Damals baute Josua dem HERRN, dem Gott Israels, einen Altar auf dem Berg Ebal“ (Jos 8,30). Dieser Altar und die darin enthaltenen Funde stehen im Mittelpunkt unseres Artikels. Das Gebiet liegt heute in einer politisch heftig umstrittenen Region.

Ausgrabungen im Nahen Osten sind voller Herausforderungen – vor allem wohl in Judäa und Samaria. Beide Gebiete befinden sich westlich des Jordan (Westjordanland), das nach dem Sieg Israels über mehrere arabische Staaten im Sechstagekrieg im Juni 1967 umkämpft war. Nach einem entscheidenden Sieg übernahm Israel die Kontrolle über Jerusalem und das Westjordanland von den Jordaniern. Im Jahr 1993 wurden Judäa und Samaria durch die Osloer Abkommen in drei geopolitische Zonen aufgeteilt.

Gebiet A (Abb. 1) kam vollständig unter „palästinensische“ Kontrolle. Im Gebiet B hatten die Araber ebenfalls die zivile Kontrolle inne, Israel aber behielt die militärische Kontrolle. Israel behielt die zivile und militärische Kontrolle über Gebiet C. Der Berg Ebal liegt genau innerhalb der Grenze von Gebiet B. In diesem umstrittenen Gebiet sind die archäologischen Stätten ständigem Vandalismus ausgesetzt, und es bleibt unklar, wer dafür verantwortlich ist. Dies gilt insbesondere für die Überreste der vor 1993 ausgegrabenen Stätten.

Figure 1. Abb. 1 Karte mit der Aufteilung von Judäa und Samaria nach den Osloer Abkommen von 1993. Der Berg Ebal wird hier als roter Punkt markiert. (Foundation for Middle East Peace)

Figure 2. Abb. 2 Die Co-Autoren Leavitt und Stripling (vorne links und rechts) unterstützen Shay Bar (hinten links) bei der Vermessung des Berges Kabir als Teil des Manasseh Hill Country Surveys. (Foto: Abigail Leavitt)

Geschichte der archäologischen Forschung auf dem Berg Ebal

Im Jahr 1979 begann der Archäologe Adam Zertal mit einer umfassenden Untersuchung des Berglandes von Manasse. Seine Methode bestand darin, die Region in Gebiete aufzuteilen, die er wiederum in Landschaftseinheiten unterteilte. Er stellte ein Team zusammen und bildete eine Reihe aus Personen, die in gleichmäßigen Abständen voneinander jeden Hügel und jedes Tal in jeder Landschaftseinheit abliefen und das Gebiet nach antiken Stätten oder auch nur verstreuten Keramikscherben durchkämmten. Zertal (2004, 13–15) dokumentierte sorgfältig jede archäologische Stätte, die das Team entdeckte. Der Manasseh Hill Country Survey ist noch nicht abgeschlossen und wird jetzt von Zertals Nachfolger, dem Archäologen Shay Bar von der Universität Haifa, geleitet. Möglicherweise ist dies die gründlichste archäologische Untersuchung, die jemals in Israel durchgeführt wurde.

Bei der Vermessung der Landschaftseinheit 11 entdeckte Zertal eine archäologische Stätte an den nordöstlichen Hängen des Bergs Ebal am Fundort 276. Im Jahr 1982 kehrte er dorthin zurück und begann mit Ausgrabungen, die acht Jahre andauern sollten. Seine Arbeit förderte eine fußförmige Einfriedung aus Steinmauern zutage, die 14.000 m2 umfasste. Innerhalb des Bereichs befand sich eine kleinere Anlage von 3.800 m2 (ca. 1,5 Morgen), und innerhalb dieser Anlage entdeckte Zertal ein 9×7 Meter großes rechteckiges Bauwerk mit einer tragenden Architektur. Es verfügte über eine Rampe, die nach oben führte, und Innenhöfe, die die Rampe flankierten. Das Bauwerk war mit Asche und Knochen übersät. Rundherum befanden sich Dutzende von kleinen Steinringen mit reichlich zerbrochener Keramik. In einigen fand Zertal Schmuckstücke wie Armbänder und Ohrringe aus Bronze, Silber und Gold, und in einem fand er einen Skarabäus. Er deutete seine Entdeckung als einen von Opfergaben umgebenen Altar (Zertal 1987, 108, 113, 118).

Als er das rechteckige Gebäude weiter ausgrub, entdeckte Zertal, dass es direkt auf einer früheren, runden Steinstruktur mit einem Durchmesser von zwei Metern errichtet worden war. Diese Struktur befand sich auf einem eingeebneten Felsboden. Eine nahe gelegene Grube (Grube 250) enthielt zahlreiche besondere Funde, darunter einen Weihrauchständer aus Basalt (Bar & Rosenberg 2022, 1–5) und ein sechseckiges Siegel oder einen Würfel (Zertal 1987, 109–111; Beeri & Ben-Yosef 2010, 3). Zertal (1987, 151) ging davon aus, dass diese frühere Phase, die er als Stratum II einstufte, kultisch war und der Opferung von Tieren diente.

Auf der Grundlage der Keramik und der Skarabäen, die Zertal dort entdeckte, kam er zu dem Schluss, dass die Stätte nur 100 bis 120 Jahre lang genutzt wurde, und zwar ab der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts v. Chr. Im Jahr 1985 veröffentlichte er einen umstrittenen Artikel mit dem Vorschlag, den Altar Josuas auf dem Berg Ebal gefunden zu haben (Zertal 1985).

Eine archäologische Stätte an den nordöstlichen Hängen des Bergs Ebal wurde von Scott Stripling und Abigail Leavitt mit dem biblischen Text, der Josuas Altar beschreibt, verglichen.

Zertals Artikel löste verschiedene Reaktionen anderer Wissenschaftler aus, die alternative Vorschläge zu Art und Funktion der Stätte vorbrachten. Kempinski (1986) meinte, dass es sich bei der Stätte um ein Dorf handelte und dass dort später ein Wachturm stand. Fritz (1995) schlug vor, dass es sich bei dem Ort um ein Gehöft handelte. Soggin (1984) und Na’aman (1986) identifizierten den Ort mit dem in Richter 9,46–49 erwähnten Turm von Sichem. Die wissenschaftliche Diskussion über den Ort hielt sich jedoch in Grenzen, da Zertal seine Ausgrabungsergebnisse noch nicht veröffentlicht hatte. Im Jahr 1987 veröffentlichte er einen vorläufigen Grabungsbericht, bis zu seinem Tod im Jahr 2015 hatte er jedoch leider immer noch keinen Abschlussbericht veröffentlicht.

Im Jahr 2007 schloss der Archäologe und Bibelwissenschaftler Ralph Hawkins eine Doktorarbeit über die von Zertal ausgegrabene Stätte auf dem Berg Ebal ab. Er untersuchte die Ausgrabungsstätte gründlich, analysierte die Ergebnisse von Zertal sorgfältig und verglich sie mit den Schlussfolgerungen von Zertal und anderen. Er kam zu dem Schluss, dass die Stätte sich von anderen bekannten Dörfern, Gehöften und Türmen sowie Kultstätten unterscheidet. Obwohl er die rechteckige Struktur als einen israelitischen Altar identifizierte, verzichtete er darauf, sie als den in Josua 8,30–35 erwähnten Altar zu bezeichnen (Hawkins 2012, 224–226). Hawkins (2012, 36) erwähnte beiläufig die frühere runde Anlage und schien offen für die Möglichkeit, dass es sich dabei um einen Altar handelt, widmete ihr aber nicht viel Aufmerksamkeit.

Die Co-Autoren Stripling (2021, 46–48) und Leavitt (2022) verglichen die archäologischen Funde auf dem Berg Ebal mit dem biblischen Text, der Josuas Altar dort beschreibt. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Israeliten in der Zeit der Richter den großen rechteckigen Altar nach der Zeit Josuas errichtet hatten, dass aber der darunterliegende, kleinere runde Altar die Voraussetzungen für den Altar Josuas erfüllt. Mitautor van der Veen schließt sich dieser Einschätzung an.

Figure 3. Abb. 3 Darstellung der ­Altäre auf dem Berg Ebal. (Armstrong Institute of Archaeology, B. Nagtegaal)

Im Jahr 2022 begann Shay Bar mit der Arbeit an der lang erwarteten Abschlusspublikation von Zertals Ausgrabungen am Berg Ebal. Er plant, sie in den nächsten Jahren zu veröffentlichen.

Inzwischen gab es noch mehr herauszufinden und zu entdecken, obwohl Zertal seine Ausgrabungen bereits 1989 abgeschlossen hatte. Im Dezember 2019 sandten die Associates forBiblical Research (ABR) ein Team unter der Leitung von Stripling und Leavitt, um die Schutthalden von Zertals Ausgrabung nass zu sieben.

Bei der Nasssiebung wird das ausgegrabene Material gewaschen, um den Schmutz zu entfernen und kleine Artefakte freizulegen, die sonst unentdeckt bleiben würden. ABR setzt die Nasssiebung seit 2017 mit großem Erfolg in Tel Silo (in Silo befand sich nach Jos 18,1 die Stiftshütte) ein. Durch die Nasssiebung der Schutthalden vom Berg Ebal wollte das Team nicht nur potenziell wichtige Artefakte finden, die Zertal übersehen hatte, sondern auch den Wert der Nasssiebung von archäologischem Material demonstrieren.

Figure 4. Abb. 4 Luftaufnahme des Berg-Ebal-Altars. (Foto: Aaron Lipkin)

Mit der Unterstützung von Aaron Lipkin sorgte Stripling dafür, dass das Material von Zertals Schutthalden zu einer nahegelegenen Siedlung, Schavei Schomron, gebracht wurde. Dort baute das Team seine Ausrüstung auf, darunter ein speziell konstruiertes tragbares Nasssieb (gebaut von Steven Rudd), und machte sich an die Arbeit. Wie erwartet fanden sie zahlreiche kleine Gegenstände, darunter Keramikscherben, kleine Metallwerkzeuge und Feuersteinobjekte.

Am 18. Dezember entdeckte Teammitglied und Kleinfundexpertin Frankie Snyder ein flaches, viereckiges Objekt. Als sie es aus ihrem Sieb herausholte, erkannte sie sofort am Gewicht, dass es aus Blei war. Das Objekt wies eine Falte auf, die an drei Kanten verlief. Dies deutete darauf hin, dass es sich um ein längliches Bleiblech handelte, das früher sorgfältig in der Hälfte gefaltet worden war. Snyder sowie Strip­ling und Leavitt erkannten, dass es sich um eine defixio handeln musste, eine Bleitafel mit Flüchen.

Bei einer im Jahr 2019 entdeckten Bleitafel handelt es sich um eine ­ defixio , d. h. eine Inschrift mit ­Flüchen.

Die Berg- Ebal -Inschrift

Da der kleine Bleistreifen gefaltet war und nicht geöffnet werden konnte, ohne ihn zu beschädigen, veranlasste Stripling mit Hilfe von Zvi Koenigsberg, dass das Laborteam des Instituts für Theoretische und Angewandte Mechanik in Tel (Tschechische Republik) röntgentomographische Messungen (XCT) durchführte. Ziel war es, festzustellen, ob auf der Innenseite der Tafel eine Inschrift vorhanden war. Die tschechischen Wissenschaftler unter der Leitung von Dr. Daniel Vavrik erstellten viele zweidimensionale Röntgenbilder, die mit Hilfe der Computertomografie dreidimensionale, flächige Schnitte von der Innenseite des Objekts ergaben. Dort, wo die Materialdichte geringer war, erschienen Flecken, Kratzer und Einschnitte als dunklere Konturen auf den Bildern. Aufgrund gründlicher Untersuchungen anderer beschrifteter Blei-Objekte aus späteren historischen Epochen mit XCT-Messungen wussten sie genau, wonach zu suchen war. Da das Objekt jedoch gekrümmt ist – was vor allem durch die große zentrale Falte deutlich wird – waren diese dunkleren Konturen nicht in allen Scans deutlich zu erkennen, sodass das Objekt mit Hilfe einer speziell entwickelten Software digital geglättet werden musste. Dies war eine äußerst schwierige Aufgabe, die großes technisches Fachwissen erforderte.

Als dieser Prozess abgeschlossen war, entdeckte Prof. Daniela Urbanova, eine Epigraphikerin für lateinische Inschriften, die das tschechische Team unterstützte, rechts oben einige Zeichen, die ihrer Meinung nach Teil einer antiken Inschrift sein könnten. Stripling lud daraufhin die Epigraphiker Peter van der Veen (Studiengemeinschaft Wort und Wissen/Johannes Gutenberg-Universität Mainz) und Gershon Galil (Universität Haifa) ein, die gerade erstellten Scans zu untersuchen. Beide Wissenschaftler entdeckten ebenfalls Buchstaben, die bald als protoalphabetische Schriftzeichen des 2. Jahrtausends v. Chr. erkannt wurden. Tatsächlich schienen mehrere Buchstaben in die bald als „Innenseite B“ bezeichnete Inschrift eingeritzt worden zu sein. Es bleibt jedoch ungewiss, wie viele Buchstaben und Wörter dort stehen. Während van der Veen nur etwa 15–20 Buchstaben erkennen möchte, behauptet Galil nicht weniger als 48 Buchstaben entdeckt zu haben. Die ersten Wörter, auf die sie sich aber einigen konnten, bestanden aus mehreren archaischen protoalphabetischen Buchstaben, die noch die Formen ihrer hieroglyphischen Vorbilder bewahrten, darunter ein aleph (dargestellt als Kopf eines Ochsen), ein kreuzförmiges taw, das mit gebogenen Zacken endet (diese Form ist bereits in der protosinaitischen Schrift des früheren 2. Jahrtausends v. Chr. belegt), ein diagonal ausgerichtetes mem (das die Wellen des Wassers darstellt), ein waw (ein keulenförmiger Buchstabe) und ein he (eine große stehende Strichfigur mit erhobenen Armen) (s. Tab. 1). Dieser Typ kommt auch neben der häufigeren sitzenden Variante in den protosinaitischen Inschriften von Serabit el-Chadim im Sinai vor.

Figure 5. Abb. 5 Äußere Seite B (recto) der defixio. (Foto: Jaroslav Valach)

Figure 6. Tab. 1 Protoalphabetische Buchstaben, wie sie nach Ansicht von van der Veen auf der defixio zu finden sind. (Bild: Peter van der Veen)

Es kommen wohl auch einige weniger eingeschnittene Buchstaben vor, die teilweise mit den vorgenannten Zeichen verflochten zu sein scheinen (es ist jedoch nicht auszuschließen, dass sie mit einer früheren Inschrift in Verbindung stehen könnten). Darunter sind ein yod (in Form eines ausgestreckten Arms), ein lamed (als aufgerolltes Seil dargestellt) und ein zweites, wenn auch eher linear geformtes aleph. Auf den Scans (welche die Inschrift in Spiegelschrift zeigen) lasen die Epigraphiker nun von rechts nach links die Worte tamut („du wirst sterben“), El (als Name oder Begriff für „Gott” zu lesen) und Jahu (d. h. „Jahwe, der Gott Israels“). Ergänzt durch zwei weniger tiefe lameds dürfte hier „bei El-Jahu [oder „bei dem Gott Jahu“] wirst du sterben“ stehen. Dieser Satz dürfte Teil einer längeren Inschrift gewesen sein, deren mutmaßliche Buchstaben nach mehrmonatiger Arbeit oben links und unten rechts in der Inneninschrift zum Vorschein kamen. Auch dort wurden Einritzungen von Buchstaben gefunden, darunter ein weiteres aleph, ein resch (ein Zeichen mit einem rhombenförmigen Kopf auf einem kurzen Hals) und weitere waws, mems und taws. Da es sich bei einigen von ihnen aber auch um bloße Kratzer und Risse im Blei handeln könnte, bleibt die Lesung unsicher. Bei einer von van der Veen favorisierten vorsichtigeren Lesung scheint die Schreibrichtung der Buchstaben in den meisten Fällen einheitlich von rechts nach links zu verlaufen, außer beim Buchstabencluster oben rechts, wo das Verb tamut und der Gottesname Jahu zu lesen sind (es sei denn, der Satzteil bedarf einer alternativen Lesung). Was die Gesamtinterpretation der Inschrift ebenfalls etwas erschwert, ist die Tatsache, dass der Schreiber keine Worttrenner verwendet hat (genau wie bei anderen protoalphabetischen Inschriften). Außerdem ist herausfordernd, dass er seine Buchstaben teilweise eng aneinandergereiht hat, sodass sie manchmal zu überlappen scheinen. Alternativ könnte es aber sein, dass manche Buchstaben einer älteren Inschrift (Palimpsest) angehören. Sicherheit kann es da aber nicht geben, solange die Bleitafel nicht geöffnet werden kann. Wie die Inschrift auch immer zu lesen ist, so scheint sie doch mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fluchformel zu beinhalten, die sich aus den Worten arur („verflucht“), tamut („du sollst sterben“), den Gottesnamen El und Jahu und vielleicht ’ata („du“) zusammensetzt.

Figure 7. Abb. 6 Die Fluchformel wie sie in protoalphabetischer Schrift auf der Vorderseite (recto) erscheint. (Nachzeichnung, P. van der Veen)

Die Inschrift scheint mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fluchformel zu beinhalten.

Trotz dieser vorsichtigen Worte wurde die Gesamtinterpretation der Buchstabenformen durch die anschließende Untersuchung von vielen hochauflösenden Fotos der Außenseite (Vorder- und Rückseite) der Tafel durch das tschechische Team bestätigt. Diese Fotos wurden den Epigraphikern jedoch erst gezeigt, nachdem sie die grundlegende Fluchformel entziffert hatten, so wie sie auf der ABR-Pressekonferenz am 23. März 2022 vorgestellt worden war. Die Fotos erwiesen sich als sehr hilfreich. Denn auf der Rückseite der Tafel zeigten sich aufgrund der Dünnheit des Bleistreifens (ca. 1 mm) Ausbuchtungen der tieferen Buchstaben, die auf der Innenseite mit einem scharfen Griffel eingeritzt worden waren. Außerdem wurden auf den Fotografien Wörter auf der Vorderseite der Außentafel entdeckt, deren Buchstaben dieselben Formen aufwiesen, wie man sie auf den Scans der Innenseite entdeckt hatte. Diese wurden offenbar mit einem Griffel eingraviert, wie Spuren innerhalb der Einritzungen der Buchstaben belegen. Die Buchstaben aleph, mem, waw und taw erscheinen erneut auf der Außenseite der Tafel. Auch das Wort tamut kommt vor, ebenso wie der Gottesname Jahu. Eine eingehendere Untersuchung der Außen-Inschrift soll in einem separaten Artikel vorgestellt werden. Die wissenschaftliche Untersuchung und Lesung des inneren Textes erschien kürzlich in Heritage Science (Stripling et al. 2023).

Auf den Fotografien der Vorderseite wurden Wörter entdeckt, deren Buchstaben dieselben Formen aufwiesen wie auf der Innenseite. Diese wurden eindeutig mit einem Griffel eingeritzt.

Was lässt sich nun über das Datum der Inschrift, die ethnische Identität des Schreibers und seine Verwendung des Gottesnamens Jahu, des Gottes Israels, sagen? Wenn man die Formen und Positionen der protoalphabetischen Buchstaben auf der Bleitafel untersucht und sie mit anderen protoalphabetischen Inschriften aus der südlichen Levante im 2. Jahrtausend v. Chr. vergleicht (einschließlich protosinaitischer und protokanaanitischer Inschriften aus Serabit el-Chadim, Lachisch, Sichem, Geser und anderen Orten), lässt sich die Schrift grob in die Zeit zwischen ca. 1600 und 1200 v. Chr. einordnen. Während nur wenige Buchstaben archaische Merkmale behalten haben (und unsere Einschätzung beruht auf dem heutigen Stand paläographischer Studien), wie sie nur in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. belegt sind, weisen die meisten Buchstaben weiterentwickelte Formen auf. Keiner von ihnen ist jedoch nach dem Übergang von der Spätbronzezeit II zur Eisenzeit I um ca. 1200 v. Chr. zu datieren, eine Schlussfolgerung, die auch durch die Keramik vor Ort gestützt wird. Im Durchschnitt repräsentieren die Formen und Schreibrichtung (meistens von rechts nach links) ein paläographisches Zwischenstadium (z. B. die linearen rinderartigen Züge des aleph, die diagonale Stellung des mem und das kopfartige resch), was eine Datierung etwa auf das späte 15. bis 14. Jahrhundert v. Chr. nahelegt.

Obwohl die meisten Wörter in den westsemitischen Dialekten der Spätbronzezeit vorkommen, fehlte bisher der Gottesname Jahu im kanaanitischen Onomastikon (Namensverzeichnis) dieser Zeit. Lediglich in ägyptischen topographischen Listen aus der Zeit des Neuen Reiches (d. h. während der späten 18. und 20. Dynastie) findet sich der Name als geographischer Begriff, der sich auf die Gebiete der an Jahwe gläubigen Schasu-Beduinen im Süden Kanaans bezieht (Weippert 2010, 184). Da diese abgekürzte Form des Gottesnamens auch in althebräischen Inschriften in Kuntillet Adschrud (um 800 v. Chr.) zu finden ist (vgl. Renz 1995, KAgr(9):3), kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Bleiinschrift tatsächlich von einem israelitischen Schreiber der Spätbronzezeit eingeritzt wurde. Dies ist deshalb so, weil der Gottesname Jahu/Jahwe auch während des 1. Jahrtausends v. Chr. nur in israelitischen und judäischen Inschriften vorkommt (sowie in Inschriften aus benachbarten Gebieten, wo der Gott Israels genannt wird), bzw. in Inschriften von Juden im Exil in Assyrien, Babylon und Ägypten. Die Kombination aus dem paläographischen Datum und dem Gottesnamen Jahu, der in der Fluchformel auf einer Bleitafel verwendet wird, die am Altar des Berges Ebal (dem biblischen Berg der Flüche) gefunden wurde, deutet auf einen altisraelitischen Ursprung des Objekts hin, das auf die Zeit von Josuas Eroberung Kanaans um 1400 v. Chr. datiert wird. Außerdem scheint die Inschrift zu belegen, dass „El“ und „Jahu“ bereits von den Israeliten als ein und derselbe Gott verehrt wurden, und zwar mehrere Jahrhunderte früher als viele Bibelkritiker behaupten.

Die Tafel scheint nahezulegen, dass „ El “ und „Jahu“ bereits von den Israeliten als ein und derselbe Gott verehrt wurden, und zwar mehrere Jahrhunderte früher als viele Bibelkritiker annehmen.

Fazit

Bei richtiger Interpretation harmonieren die archäologischen Überreste auf dem Berg Ebal mit dem Bericht in Josua 8,30 über einen Altar auf dem Berg Ebal, der auf das Ende der Spätbronzezeit I (oder an den Übergang der Mittleren Bronzezeit zur Spätbronzezeit; Zerbst & van der Veen 2018) datiert wird. Die in diesem Artikel besprochene defixio wäre somit ein äußerst wichtiger Fund für die biblische Archäologie. Der Fund untermauert das frühe Datum der Landnahme durch Israel (um 1400 v. Chr.) und scheint religiösen, historischen und theologischen Erwägungen betreffs einer Vielzahl von Gottheiten, einschließlich der Gottesnamen El und Jahu, zu widersprechen. Die Vertreter der Quellenscheidungshypothese haben nämlich fälschlicherweise angenommen, dass diese Gottheiten nicht vor dem 1. Jahrtausend v. Chr. mit Jahwe als dem Gott Israels und Judas vereint wurden (van der Veen & Zerbst 2022, 35–40).

Literatur

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Fritz V (1995) The city in ancient Israel. Sheffield Academic Press, Sheffield.

Hawkins R (2012) The Iron Age I structure on Mt. Ebal: Excavation and interpretation. Eisenbrauns, Winona Lake.

Kempinski A (1986) Joshua’s altar or an Iron Age I watchtower? Biblical Archaeology Review 12:1, 42–49.

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Na’aman N (1986) Migdal Shechem and the „House of El-berith“ [auf Hebräisch], 259–280.

Renz, J (1995) Handbuch der althebräischen Epigraphik. Band 1. Die althebräischen Inschriften, Teil 1: Text und Kommentar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.

Soggin JA (1984) A history of ancient Israel: From the beginning to the Bar Kochba revolt, A.D.135. Übersetzt von John Bowden. Westminster Press, Philadelphia.

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Stripling S, Galil G, Kumpova I, Valach J, van der Veen PG & Vavrik D (2023) „You are cursed by the God YHW“: An early Hebrew inscription from Mt. Ebal. Heritage Science 11:105, https://doi.org/10.1186/s40494-023-00920-9.

van der Veen PG & Zerbst U (2022) In search of the biblical patriarchs: A historical and archaeological quest. Masthof Press and Bookstore, Morgantown.

Weippert M (2010) Historisches Textbuch zum Alten Testament. Grundrisse zum Alten Testament 10. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Zerbst U & van der Veen PG (Hrsg.) (2018) Keine Posaunen vor Jericho? Beiträge zur Archäologie der Landnahme. 3. erw. Aufl. SCM Hänssler Verlag, Holzgerlingen.

Zertal A (1985) Has Joshua’s altar been found on Mt. Ebal? Biblical Archaeology Review 11:1 (Januar/Februar), 26–42.

Zertal A (1987) An early Iron Age cultic site on Mount Ebal: Excavation seasons 1982–1987. Tel Aviv 13–14:2, 105–165.

Zertal A (2004) The Manasseh Hill Country survey, Volume I: The Shechem syncline. Brill, Leiden.

Im Schutt einer Grabung am Berg Ebal entdeckten Scott Stripling und Abigail Leavitt eine fast 3.500 Jahre alte beschriebene Fluchtafel aus Blei, deren Inhalt mit der biblischen Landnahme unter Josua in Verbindung stehen könnte. Eine epigraphische Studie, an der sich Peter van der Veen beteiligte, steht vermutlich in Zusammenhang mit Aussagen aus Deuteronomium (5. Mose) und Josua in der Bibel und erwähnt sogar eine Kurzform des Gottesnamens Jahwe. Der vorliegende Artikel fasst einen wissenschaftlichen Aufsatz in Heritage Science zusammen.


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