Ist ohne Gott alles erlaubt?

Ein Argument für die Existenz Gottes aus der Moral

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  • Markus Widenmeyer
2025-11-24 — aktualisiert am 2025-12-29

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Ohne Gott ist alles erlaubt, sagen die einen. Andere widersprechen energisch. Was stimmt? Und was ist mit diesem Satz überhaupt gemeint? Was ist die letzte Grundlage von Moral? Und kann man aus unserer Erfahrung, dass es gut und schlecht, richtig und falsch gibt, auf die Existenz Gottes schließen?

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„Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“, schrieb sinngemäß Dostojewski.1 Dieser Satz leuchtet vielen Menschen intuitiv ein, sowohl Theisten als auch Atheisten. Dennoch ist er alles andere als konsensfähig. So sagte der atheistische Philosoph Herbert Schnädelbach: „Ein Kollege hat angeregt, diesen Satz auf die Liste der dümmsten philosophischen Sprüche zu setzen. Und zwar ganz oben. Er ist wirklich absurd. Denn das Dumme ist, selbst wenn es Gott nicht geben sollte, darf ich nicht bei Rot über die Ampel fahren, Steuern hinterziehen oder meine Frau schlagen […].“2

Ist Moral ein Produkt der ­Menschheit?

Aber hat Schnädelbach wirklich das getroffen, was Dostojewski meinte? Das Problem ist, dass Wörter wie „dürfen“ oder „sollen“ vieldeutig sind. Warum „darf“ ich z. B. nicht über die rote Ampel fahren? Eine mögliche Antwort ist, dass eine staatliche Übermacht Regeln erlassen hat und gleichzeitig die Macht besitzt, ihre Untertanen dazu zu bringen, diese Regeln (im Großen und Ganzen) einzuhalten.

Jedoch kann das, was in einer bestimmten kulturellen Epoche erlaubt oder verboten ist, wohl kaum bestimmend dafür sein, was wirklich moralisch erlaubt, geboten oder verboten ist. So war es im alten Rom erlaubt, Sklaven zu halten, die praktisch keine Rechte hatten. Der Familienvater, der „pater familias“, hatte damals unter bestimmten Umständen das Recht, über Leben und Tod seiner Frau und seiner Kinder zu bestimmen – und über das seiner Sklaven sowieso. Es wurde zwar versucht, die Auffassung, dass die Gesellschaft in irgendeiner Weise Ursprung der Moral ist, zu verfeinern (wie z. B. in den verschiedenen Ausprägungen der Diskursethik).3 Solche Ansätze greifen aber dann doch wieder unterschwellig auf universelle (allgemeingültige) Normen zurück, die kein Produkt des Menschen sein können – oder der eigentliche moralische und verbindliche Charakter wird nicht greifbar.

Moralische Prinzipien gelten prinzipiell unabhängig davon, was Menschen meinen, fühlen oder denken.

In­ dieser Hinsicht ähneln sie Natur­gesetzen.

Dies stellt somit einen wesentlichen Gesichtspunkt wirklicher Moral dar, den man „Objektivität“ nennen kann: Moralische Prinzipien gelten prinzipiell unabhängig davon, was Menschen meinen, fühlen oder denken und unabhängig von den gesellschaftlichen Gegebenheiten. In dieser Hinsicht ähneln sie Naturgesetzen. Auch die Schwerkraft wirkt unerbittlich auf uns, egal was wir Menschen über sie denken.

Ist Moral ein Naturprodukt?

Wenn Moral kein eigentliches Produkt der Menschheit ist, kann man fragen: Könnte sie ihren Ursprung in der Natur und z. B. einer mutmaßlichen Evolutionsgeschichte haben? Wohl kaum. Ein wichtiger Punkt ist nämlich, dass die Natur und natürliche Prozesse nicht normativ (d. h. als Richtschnur oder Norm dienend) sind, d. h. sie drücken kein Sollen aus. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse können aussagen, was (unter definierten Umständen) der Fall ist, aber niemals, was der Fall sein soll. Andernfalls erliegt man einem naturalistischen Fehlschluss, also vereinfacht gesagt, dem ungültigen Schluss von einem bloßen Sein auf ein Sollen („Sein-Sollen-Fehlschluss“).4 So können Biologen beispielsweise vielleicht sagen, welche Eigenschaften einer Art für ihr Überleben notwendig oder förderlich sind. Oder Verhaltensbiologen können etwas dazu sagen, was der Vorteil davon ist, wenn Menschen bestimmte moralische Überzeugungen haben und danach handeln (wenn man davon absieht, dass Überzeugungen als solche nichts Physisches sein dürften). Aber Biologen können nicht zeigen, dass das Überleben einer Art etwas wirklich objektiv Gutes ist. Und sie können nicht zeigen, dass die moralischen Überzeugungen, die wir Menschen haben, wirklich gerechtfertigt und wahr sind. Es gibt also gute Gründe dafür, dass weder der Mensch noch die Natur die Quelle einer solchen objektiven, universell geltenden Moral sein können. Das sehen auch immer mehr Philosophen so. Zum Beispiel schreibt Eve-Marie Engels (2002, 345): „Eine evolutionäre Ethik kann nicht die Funktion einer normativen Ethik oder Metaethik erfüllen.“5

Moralischer Realismus

Manche schließen aus der Problematik, die sich aus dem Spannungsfeld „Evolution und Ethik“ ergibt, dass es objektive Moral schlicht nicht gibt. So schreiben zum Beispiel Edward O. Wilson und Michael Ruse (1986): „Menschen funktionieren besser, wenn sie von ihren Genen dahingehend betrogen werden zu glauben, dass es eine objektive Moral gibt.“ Dann wäre in der Tat im Sinne Dostojewskis „alles erlaubt“, weil Moral dann sozusagen nur (für subjektive Zwecke) nützlich, aber nie wahr wäre.

Damit wollen sich aber heute auch viele atheistisch oder agnostisch gesonnene Philosophen nicht abfinden. So schreibt David Enoch (2007, 21): „Es gibt nichtnatürliche, nicht auf etwas anderes zurückführbare normative Wahrheiten, unabhängig davon, wie wir auf sie reagieren, vollkommen universell und objektiv, die wir, wenn wir erfolgreich nach ihnen suchen, viel eher entdecken als erzeugen oder konstruieren.“

Und der atheistische Philosoph Walter Sinnott-Armstrong (2009, 92–93) schreibt: „Als der T-rex [sic!] herrschte, gab es noch keine Personen, die vergewaltigen oder vergewaltigt werden könnten, aber es war dennoch wahr, dass Personen keine anderen Personen vergewaltigen dürfen. Ein solches moralisches Prinzip kann wahr sein auch zu Zeiten, wo niemand da ist, den es betreffen könnte.“

Man nennt diese Auffassung, die übrigens heute zu den weit verbreiteten Auffassungen der philosophischen Ethik zählt, „moralischer Realismus“ (vgl. Brandhorst 2017), weil sie von einer objektiven Moral als einer Realität „da draußen“ ausgeht. Für die meisten zeitgenössischen moralischen Realisten hat objektive Moral ihren Ursprung aber nicht in Gott. So bezeichnet z. B. der moralische Realist (und Atheist) Erik Wielenberg (2014, 36) seine Auffassung ausdrücklich als „gottlosen moralischen Realismus“. Was ist dann der Grund und Ursprung der Moral? Nichttheistische moralische Realisten postulieren hierfür typischerweise ewig und notwendig existierende transzendente Objekte, völlig entrückt von Raum und Zeit, und entsprechend völlig unabhängig von allen anderen Dingen existierend. Man nennt solche Objekte in der Philosophie auch oft „abstrakte“ oder „platonische Objekte“ (siehe z. B. Johnson 2021, 13). Anders als Gott sind diese transzendenten Objekte aber nichtgeistig bzw. nichtpersonal: Sie können nicht sehen, denken, fühlen, wollen, sie verfügen über keine Logik und Sprache.

Aber diese Sicht leidet an mindestens zwei gewaltigen Schwierigkeiten. Die erste (und in der Fachliteratur vielfach angesprochene) Schwierigkeit ist erkenntnistheoretischer Art: Wenn moralische Tatsachen ihre Quelle in solchen transzendenten Objekten hätten, ist nicht zu erkennen, wie wir Menschen von ihnen wissen könnten. Diese transzendenten Objekte sind ja völlig von unserer Welt geschieden. Und anders als Gott verfügen sie nicht über Intelligenz, Sprache und Logik, sodass sie auch nicht mit uns kommunizieren könnten. In einem nicht-theistischen Kontext müsste man annehmen, dass unsere menschlichen moralischen Überzeugungen nicht von diesen transzendenten Objekten informiert wurden, sondern doch wieder ein Produkt eines blinden, unpersönlichen und natürlichen Evolutionsprozesses wären. Sie wären dann tatsächlich eine Illusion (Johnson 2015, 367).

Moral hat ihren Grund in etwas Personalem

Die zweite Schwierigkeit ist ontologischer Art: Wesentliche Merkmale des Moralischen deuten darauf hin, dass Moral einen geistigen Ursprung hat. Stellen wir uns vor, es gäbe jene transzendenten Objekte, die dann die gesamte moralische Information dieser Welt (also welche Dinge erlaubt, geboten oder verboten sind) in irgendeiner Form beinhalten müssten. Darin müsste dann auch weitreichende Information über diejenigen Dinge enthalten sein, die moralisch relevant sind; das sind z. B. Lügen, Liebe, Hilfsbereitschaft, Hass, Gerechtigkeit, menschliche Beziehungen, Großzügigkeit oder Morde aus Habsucht. Es erscheint aber absurd anzunehmen, dass „blinde“, unpersönliche, nichtgeistige Objekte solche Informationen besitzen könnten – und das grund- und ursachenlos und von Ewigkeit her, sozusagen vor Grundlegung der Welt.6 Dabei müssten die dort abgebildeten Sachverhalte in sich sinnvoll sein und auch genau auf diejenigen in der später entstehenden Welt passen und Mark Linville (2021, 180) fragt hier zurecht: „Haben wir die kosmische Lotterie gewonnen?“

Weiterhin haben moralische Tatsachen typischerweise einen direkten oder indirekten Bezug auf Personen und soziale Zusammenhänge. Wäre die Grundlage der Moral aber etwas Unpersönliches, dann wäre dies ein seltsamer und höchst unwahrscheinlicher Zufall. Denn warum sind dann ausgerechnet Dinge (bzw. Entitäten) wie Lügen, Aufrichtigkeit, selbstloses Helfen oder Mord aus Habsucht moralisch relevant, nicht aber z. B. das Haben der Masse 12 kg, die Eigenschaft aus 17 Teilen zu bestehen, die Zahl 53 oder Neutronensterne? Der stark personale und soziale Charakter des Moralischen spricht unmittelbar dafür, dass Moral ihren Ursprung in (mindestens) einer Person hat, nicht in irgendwelchen blinden, unpersönlichen Objekten.

Der stark personale und soziale ­Charakter des Moralischen spricht unmittelbar dafür, dass Moral ihren Ursprung in einer Person hat, nicht in irgendwelchen blinden, unpersönlichen Objekten.

Dazu kommt, dass das Moralische eine Autorität ausdrückt – und zwar eine absolute, maximal denkbare Autorität. Denn für unser Handeln sollen im Konfliktfall moralische Gründe immer über anderweitige Gründe (wie Eigennutz) den Ausschlag geben – wenn wir denn wirklich nach dem handeln wollen, was moralisch richtig ist. Es ist aber höchst unklar, wie blinde, unpersönliche Objekte eine solche Autorität darstellen könnten und wie sie unserem Handeln wirklich Orientierung geben könnten. Unpersönliche Objekte sind, anders als Personen, stets gleichgültig gegenüber dem, was Personen tun und lassen.

Wir sind also berechtigt zu sagen: Wenn es objektive Moral gibt, dann gibt es auch einen personalen übermenschlichen und übernatürlichen und damit göttlichen Ursprung dieser Moral, denn weder die Menschheit noch die Natur und auch nicht abstrakte Objekte sind gute Kandidaten für diesen Ursprung. Aber gibt es objektive Moral?

Auch wenn das heute viele (auch atheistische) Philosophen bejahen, leugnen es auch viele Menschen (darunter auch nicht wenige Philosophen). Nur kann man vermutlich kaum jemanden finden, der dies konsequent durchhält. Angesichts vieler Gräueltaten der Menschheitsgeschichte – denken wir z. B. nur an Grausamkeiten zum Vergnügen, wie sie u. a. in den KZs der Nazis verübt wurden – nehmen doch wohl fast alle Menschen wahr, dass es nicht nur eine Frage des Geschmacks oder eine kulturelle Eigenheit ist, diese Dinge wirklich als moralisch abscheulich anzusehen (z. B. Copan 2013, 145). Sie sind vielmehr wirklich und objektiv moralisch abscheulich. Sie wären auch dann moralisch abscheulich, wenn man alle Menschen durch eine spezielle Droge dazu bringen könnte, sie plötzlich als moralisch richtig anzusehen. Dieser objektive Aspekt von Moral, den wir in manchen Situationen wahrnehmen, ist somit völlig unabhängig von der subjektiven persönlichen oder gesellschaftlich geprägten Wahrnehmung.

Spätestens wenn Menschen sich selbst als Opfer von Unrecht sehen, lassen sie die These, objektive Moral sei eine Illusion, rasch fallen. Moralisch empörte Menschen gehen in der Regel fest davon aus, dass sie zu Recht empört sind, weil sie z. B. tatsächlich falsch behandelt wurden. Außerdem gehen sie normalerweise davon aus, dass jeder, der rational und unvoreingenommen ist, zum selben Ergebnis kommen sollte wie sie.

Damit können wir unseren Schluss ziehen:

1. Wenn es objektive Moral gibt, dann muss es auch eine personale übernatürliche und übermenschliche, d. h. göttliche Ursache geben.

2. Es gibt objektive Moral.

Konklusion: Es existiert eine personale göttliche Ursache.

Diese Thematik wird vertieft in dem Buch „Moral ohne Gott?“ (Widenmeyer 2022).

Glossar

Agnostiker halten die Existenz göttlicher Wesen für nicht geklärt oder nicht klärbar.

Atheisten glauben nicht an die Existenz göttlicher Wesen.

Theisten glauben an einen einzigen Schöpfergott (Monotheismus).

Anmerkungen

1 Siehe auch: Baggini (2011, 181) Ist ohne Gott alles erlaubt? In: Die großen Fragen der Ethik, https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-36371-9_19 (abgerufen am 03.02.2023).

2 Herbert Schnädelbach, zitiert nach https://www.deutschlandfunk.de/moral-ist-alles-erlaubt-wenn-es-keinen-gott-gibt-100.html (abgerufen am 25.01.2023).

3 Eine kritische Würdigung z. B. in Widenmeyer (2022), Kapitel 4, Abschnitt 4.

4 Es gibt unterschiedliche Verständnisse, wann man einen naturalistischen Fehlschluss begeht, z. B. wenn man einen genuin moralischen Ausdruck wie „gut“ überhaupt zu definieren vorgibt oder wenn man „gut“ als eine natürliche Eigenschaft auffasst (siehe z. B. Schaber [2002], S. 437 f.).

5 Die Metaethik behandelt grundsätzliche, vorgelagerte Fragen der Ethik wie z. B. nach dem Ursprung der Moral oder nach den Bedingungen für die objektive Gültigkeit moralischer Normen, während die normative Ethik konkrete ethische Fragen zu beantworten versucht wie z. B. „Ist Abtreibung in jedem Falle moralisch falsch?“.

6 Eine ausführliche Diskussion der Gründe, warum Moral einen geistigen bzw. personalen Ursprung haben muss, findet sich in Widenmeyer (2022), Abschnitt 5.3.

Literatur (Auswahl)

Brandhorst M (2017) Ethik: Normativer Realismus. Information Philosophie 4, 22–35.

Copan P (2013) Argumente, denen zufolge religiöse Überzeugungen falsch sind. In: Irlenborn B & Koritensky A (Hg.) Analytische Religionsphilosophie, WBG Darmstadt, S. 144–154.

Engels EM (2002) Evolutionäre Ethik. In: Düwell M, Hübenthal C & Werner MH (Hrsg.) Handbuch Ethik. J.B. Metzler. Weimar, S. 341–346.

Enoch D (2007) An Outline of an Argument for Robust Metanormative Realism. In: Shafer-Landau R (ed.) Oxford Studies in Metaethics Volume 2. Oxford University Press. Oxford, pp. 21–50.

Johnson AL (2015) Debunking Nontheistic Moral Realism: A Critique of Erik Wielenberg’s Attempt to Deflect the Lucky Coincidence Objection. Philosophia Christi 17, 353–367.

Johnson AL (2021) Introduction. In: Craig WL, Wielenberg E & Johnson AL (ed.) A Debate on God and Morality - What is the Best Account of Objective Moral Values and Duties? Routledge. Tayler & Francis Group. New York, pp. 2–27.

Linville MD (2021) Darwin, Duties, and the Demiurge.

In: Craig WL, Wielenberg E & Johnson AL (ed.)

A Debate on God and Morality - What is the Best

Account of Objective Moral Values and Duties? Routledge. Tayler & Francis Group. New York, pp. 166–184.

Ruse M & Wilson EO (1986) Moral Philosophy as Applied Science. Philosophy 61, 173–192.

Schaber P (2002) Naturalistischer Fehlschluss. In: Düwell M, Hübenthal C & Werner MH (Hrsg.) Handbuch Ethik. J.B. Metzler. Weimar, S. 437–440.

Sinnott-Armstrong W (2009) Morality Without God. Oxford University Press. Oxford.

Widenmeyer M (2022) Moral ohne Gott? Eine Verteidigung der theistischen Grundlegung objektiver Moral. SCM Hänssler. Holzgerlingen.

Wielenberg E (2014) Robust Ethics. The Metaphysics and Epistemology of Godless Normative Realism. Oxford.

Ohne Gott ist alles erlaubt, sagen die einen. Andere widersprechen energisch. Was stimmt?
Und was ist mit diesem Satz überhaupt gemeint? Was ist die letzte Grundlage von Moral?
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