Mini-Schnecke wirft Fragen auf
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Mini-Schnecke wirft Fragen auf
Die Grenzen des physikalisch Möglichen restlos ausnutzen – das scheint die Devise bei der Entstehung der „Extrem“-Lebewesen unter den vielzelligen Tieren zu sein. In dieser Ausgabe von Studium Integrale Journal wurde das im Beitrag über die Federflügel-Käfer deutlich. Viele Beispiele dieser Art könnten angefügt werden, etwa ultraleichte Kolibris oder die Zwerg-Fledermaus (Pipistrelluspipistrellus), die kaum mehr wiegt als ein halbes Blatt Schreibmaschinenpapier.
In die Reihe der Miniatur-Vielzeller reihen sich auch winzige Schnecken ein, die kleiner sind als ein Sandkorn. Erstaunlich, dass sie überhaupt entdeckt wurden. Eine Forschergruppe fand kürzlich im Sediment einer Höhle in Nordvietnam zahlreiche winzige Schneckengehäuse, die im Schnitt nur 0,48–0,57 mm hoch und 0,6–0,68 mm lang waren (Páll-Gergely et al. 2022). Die neue Art aus der Schneckenordnung Stylommatophora erhielt den Namen Angustopilapsammion (Abb. 1). Das Schalenvolumen betrug inklusive der Schale minimal nur 0,036 mm3. Damit unterbot die A. psammion den bisherigen Minusrekord von Landschnecken. Noch kleinere Formen sind nur aus dem Meer bekannt. Der bisherige Minusrekordhalter auf dem Land war Acmellanana, die zu einer anderen Schneckenordnung gehört, mit einer Schalenhöhe von 0,60–0,79 mm und einer Schalenweite von 0.5–0,6 mm (Páll-Gergely et al. 2022, 72).
Je kleiner ein Organismus, desto höher die Anforderungen an seine Organe und an seinen Energiehaushalt. Warum tun sich Lebewesen diese Miniaturisierung also an, könnte man salopp fragen. Evolutionsbiologen formulieren daraus die Frage, welche Selektionsdrücke die Miniaturisierung begünstigen, obwohl das Überleben zunehmend schwieriger wird, je geringer die Körpergröße ist. Auch Páll-Gergely et al. (2022, 63) werfen angesichts der neu entdeckten Mini-Schnecke diese Frage auf. Die evolutionären Triebkräfte für die extrem kleine Körpergröße bei wirbellosen Tieren seien in der Evolutionsbiologie nach wie vor umstritten, da einerseits die „Möglichkeiten der Anpassung“, andererseits auch physische und physiologische Zwänge aufeinandertreffen. Die Autoren diskutieren, dass die geringe Körpergröße die Aufnahme von sehr kleinen Nahrungspartikeln ermöglicht, ebenso den Zugang zu feinen Spalten, die für größere Tiere zu klein sind. Außerdem macht extreme Kleinheit die Tiere für Räuber unattraktiv und gibt bessere Chancen, unentdeckt zu bleiben.
Figure 1. Abb. 1 Angustopila psammion. (Foto: Senckenberg)
Aber erklärt das die Evolution der Mini-Schnecken? Den möglichen Vorteilen, die nur auf Mutmaßungen beruhen, stehen harte physische und physiologische Einschränkungen gegenüber. Es wird vermutet, dass Sinnesrezeptoren und die Verarbeitung von Reizen im Gehirn unterhalb einer bestimmten Größe nicht mehr funktionieren, weil die Anzahl der verfügbaren Zellen unter einen lebensfähigen Schwellenwert fällt. Ein weiteres Problem ist eine erhöhte Gefahr des Austrocknens, da das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen bei den kleinsten Landschnecken extrem hoch ist. Außerdem muss die Schneckenschale ausreichend Platz für mindestens ein Ei bieten. Aus diesen Gründen vermuten die Wissenschaftler, dass die Tiere nicht noch kleiner werden können und die minimale Kleinheit erreicht ist.
In einem einflussreichen Artikel haben Gould & Lewontin (1979) das Erfinden von „Anpassungsgeschichten“ kritisiert, mit denen Konstruktionen von Lebewesen durch Evolution erklärt werden. Solche Geschichten seien spekulativ und nicht testbar. Aus der Perspektive der Schöpfung darf man auch spekulieren. Dass die physikalischen Möglichkeiten bis zur absoluten Grenze ausgereizt sind, kann man als Hinweis auf einen Schöpfer werten, der nicht nur gemäß „08/15“ erschaffen hat, sondern Freude am Ausschöpfen des Möglichen hat und dabei nicht allein auf Funktionalität und Zweckmäßigkeit achten muss.
Literatur
Gould SJ & Lewontin RC (1979) The Spandrels of San Marco and the Panglossian Paradigm: A Critique of the Adaptationist Programme. Proc. R. Soc. Lond. B. 205, 581–598
Páll-Gergely B, Jochum A et al. (2022) The world’s tiniest land snails from Laos and Vietnam (Gastropoda, Pulmonata, Hypselostomatidae). Contrib. Zool. 91, 62–78, doi:10.1163/18759866-bja10025
Mini-Schnecke wirft Fragen auf
Die Grenzen des physikalisch Möglichen restlos ausnutzen – das scheint die Devise bei der Entstehung der „Extrem“-Lebewesen unter den vielzelligen Tieren zu sein. In dieser Ausgabe von Studium Integrale Journal wurde das im Beitrag über die Federflügel-Käfer deutlich. Viele Beispiele dieser Art könnten angefügt werden, etwa ultraleichte Kolibris oder die Zwerg-Fledermaus (Pipistrelluspipistrellus), die kaum mehr wiegt als ein halbes Blatt Schreibmaschinenpapier.
In die Reihe der Miniatur-Vielzeller reihen sich auch winzige Schnecken ein, die kleiner sind als ein Sandkorn. Erstaunlich, dass sie überhaupt entdeckt wurden. Eine Forschergruppe fand kürzlich im Sediment einer Höhle in Nordvietnam zahlreiche winzige Schneckengehäuse, die im Schnitt nur 0,48–0,57 mm hoch und 0,6–0,68 mm lang waren (Páll-Gergely et al. 2022). Die neue Art aus der Schneckenordnung Stylommatophora erhielt den Namen Angustopilapsammion (Abb. 1). Das Schalenvolumen betrug inklusive der Schale minimal nur 0,036 mm3. Damit unterbot die A. psammion den bisherigen Minusrekord von Landschnecken. Noch kleinere Formen sind nur aus dem Meer bekannt. Der bisherige Minusrekordhalter auf dem Land war Acmellanana, die zu einer anderen Schneckenordnung gehört, mit einer Schalenhöhe von 0,60–0,79 mm und einer Schalenweite von 0.5–0,6 mm (Páll-Gergely et al. 2022, 72).
Je kleiner ein Organismus, desto höher die Anforderungen an seine Organe und an seinen Energiehaushalt. Warum tun sich Lebewesen diese Miniaturisierung also an, könnte man salopp fragen. Evolutionsbiologen formulieren daraus die Frage, welche Selektionsdrücke die Miniaturisierung begünstigen, obwohl das Überleben zunehmend schwieriger wird, je geringer die Körpergröße ist. Auch Páll-Gergely et al. (2022, 63) werfen angesichts der neu entdeckten Mini-Schnecke diese Frage auf. Die evolutionären Triebkräfte für die extrem kleine Körpergröße bei wirbellosen Tieren seien in der Evolutionsbiologie nach wie vor umstritten, da einerseits die „Möglichkeiten der Anpassung“, andererseits auch physische und physiologische Zwänge aufeinandertreffen. Die Autoren diskutieren, dass die geringe Körpergröße die Aufnahme von sehr kleinen Nahrungspartikeln ermöglicht, ebenso den Zugang zu feinen Spalten, die für größere Tiere zu klein sind. Außerdem macht extreme Kleinheit die Tiere für Räuber unattraktiv und gibt bessere Chancen, unentdeckt zu bleiben.
Figure 1. Abb. 1 Angustopila psammion. (Foto: Senckenberg)
Aber erklärt das die Evolution der Mini-Schnecken? Den möglichen Vorteilen, die nur auf Mutmaßungen beruhen, stehen harte physische und physiologische Einschränkungen gegenüber. Es wird vermutet, dass Sinnesrezeptoren und die Verarbeitung von Reizen im Gehirn unterhalb einer bestimmten Größe nicht mehr funktionieren, weil die Anzahl der verfügbaren Zellen unter einen lebensfähigen Schwellenwert fällt. Ein weiteres Problem ist eine erhöhte Gefahr des Austrocknens, da das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen bei den kleinsten Landschnecken extrem hoch ist. Außerdem muss die Schneckenschale ausreichend Platz für mindestens ein Ei bieten. Aus diesen Gründen vermuten die Wissenschaftler, dass die Tiere nicht noch kleiner werden können und die minimale Kleinheit erreicht ist.
In einem einflussreichen Artikel haben Gould & Lewontin (1979) das Erfinden von „Anpassungsgeschichten“ kritisiert, mit denen Konstruktionen von Lebewesen durch Evolution erklärt werden. Solche Geschichten seien spekulativ und nicht testbar. Aus der Perspektive der Schöpfung darf man auch spekulieren. Dass die physikalischen Möglichkeiten bis zur absoluten Grenze ausgereizt sind, kann man als Hinweis auf einen Schöpfer werten, der nicht nur gemäß „08/15“ erschaffen hat, sondern Freude am Ausschöpfen des Möglichen hat und dabei nicht allein auf Funktionalität und Zweckmäßigkeit achten muss.
Literatur
Gould SJ & Lewontin RC (1979) The Spandrels of San Marco and the Panglossian Paradigm: A Critique of the Adaptationist Programme. Proc. R. Soc. Lond. B. 205, 581–598
Páll-Gergely B, Jochum A et al. (2022) The world’s tiniest land snails from Laos and Vietnam (Gastropoda, Pulmonata, Hypselostomatidae). Contrib. Zool. 91, 62–78, doi:10.1163/18759866-bja10025