Wurde Europa doch früher besiedelt? Überraschungen aus Ost und West

Autor/innen

  • Sigrid Hartwig-Scherer
    sg@wort-und-wissen.de (journal.primary_contact69a883fa422b4)
2002-11-01
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Seit längerem gilt der europäische Homo sapiens als Abkömmling eines „Afrikaners“, der vergleichsweise spät – zwischen 100.000-200.000 radiometrischen Jahren – den schwarzen Kontinent verlassen hat. Bei seiner Einwanderung soll er alle ansässigen europäischen Formen verdrängt haben. Die früheren europäischen Formen wie z.B. Homo heidelbergensis hatten dieser Vorstellung gemäß Europa auch nicht vor 0,5 Millionen radiometrischen Jahren (MJ) besiedelt, denn man nahm bis vor einigen Jahren an, daß Homo ergaster/erectus erst nach der Entwicklung der Kulturstufe des Acheuléen und dem damit verbundenen angeblich höheren kulturellen Niveau sein Ursprungsland Afrika hätte verlassen können. Deshalb galten alle Fundstätten Europas, die die Altersmarke von 0,5 MJunker überschritten, als zweifelhaft. Neuere, zwischen 1,8 und 0,8 MJr alte Fundstätten an zwei entgegengesetzten Enden Europas – Georgien und Spanien – ziehen nun die Vorstellung eines anthropologisch jungen Europas in Zweifel und offerieren als mögliche Alternative, daß auch der europäische Homo sapiens wesentlich ältere Wurzeln innerhalb Europas haben könnte. Neue DNA-Studien lassen ebenfalls die späte und „reine“ Out-of-Africa-Hypothese fragwürdig erscheinen. Danach scheint der Mensch in mehreren Wellen nach Europa eingewandert zu sein, sich mit den jeweils ansässigen Formen vermischt und vor Ort weiter verändert zu haben. Diese Vorstellung entspricht auch dem Grundtypmodell: die aus dem afrikanisch-levantinischen Korridor auswandernde polyvalente Basisform Homo veränderte sich aufgrund von Mikroevolutionsprozessen (Anpassung), Wanderungen und Hybridisierung und bildete recht unterschiedliche Formen und/oder Arten aus, deren Entstehung mittels eines linearen Entwicklungsmodells bislang von der Paläanthropologie nicht befriedigend erklärt werden konnte.

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