Baum, Baukasten, Netzwerk

Ist die evolutionäre Systematik zirkelschlüssig?

Autor/innen

  • Reinhard Junker
    sg@wort-und-wissen.de (journal.primary_contact69a89d9ab6b13)
2003-05-01
Titelbild

Downloads

Heute sind mindestens zwei Millionen Arten von Lebewesen bekannt. Die enorme Vielfalt der Lebewesen zeigt kein chaotisches Muster, sondern läßt sich nach verschiedenen Kriterien sinnvoll ordnen. Schon vor der Etablierung der Evolutionsanschauung in der Biologie hatten sich hierarchische Ordnungsmuster bewährt. Folgt man den Vorgaben der Evolutionslehre, wonach die Arten durch Abwandlungen und Verzweigungen auseinander hervorgegangen sind, ist primär zu erwarten, daß sich diese Vielfalt baumförmig darstellen läßt (Stammbäume). Durch diese Erwartung sind entsprechende Verfahren der phylogenetischen Rekonstruktion wie die Cladistik motiviert. Kann die Vielfalt der Arten auch unter Prämissen der Schöpfungslehre geordnet werden? Welche Erwartungen an die Ordnungsmuster können gestellt und geprüft werden? Ein wissenschaftstheoretisches Standardargument gegen diesen Ansatz lautet, mit „Schöpfung“ könne man jegliche Ordnungsmuster erklären; auch die Abwesenheit irgendeines Musters. Schöpfung erkläre alles und damit nichts. Doch so einfach stellt sich die Sachlage bei näherer Betrachtung nicht dar. Zum einen widersprechen die Merkmalsmuster der Arten vielfach ursprünglichen evolutionstheoretischen Erwartungen. So lassen sich die Beziehungen zwischen Angehörigen bestimmter Tier- und Pflanzengruppen nicht selten besser netzartig als baumartig darstellen. Man kann zwar versuchen, die Evolutionstheorie soweit zu ändern, daß diesen Befunden Rechnung getragen wird (was bisher allenfalls teilweise gelingt), doch nähert man sich damit der Situation, daß durch Evolution ebenfalls alle denkbaren Muster im Prinzip deutbar sind. Zum anderen ist es durchaus möglich, aus Vorgaben der Schöpfungslehre konkrete, prüfbare Folgerungen für das zu erwartende Merkmalsmuster abzuleiten. Jede systematische Arbeit ist durch philosophische Vorgaben geleitet, und letztlich sind immer nur Deutungen im nachhinein, jedoch keine zwingenden Vorhersagen möglich. Der nachfolgende Beitrag geht dieser Problematik nach.

Lesen Sie diesen Beitrag in folgenden Formaten