Australopithecus garhi - (k)eine Überraschung

Autor/innen

  • Sigrid Hartwig-Scherer
    sg@wort-und-wissen.de (journal.primary_contact69a7f1b690f34)
1999-11-01
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Eine neue ca. 2,5 MrJ (= Millionen radiometrische Jahre) alte Australopithecinen-Art, A. garhi, ist wegen ihrer eigenartigen Merkmalskombination für die Evolutionsbiologie eine ziemliche Überraschung, nicht so sehr jedoch für die Grundtypbiologie. Diese sagt voraus, daß die grundtypspezifischen Merkmale einzeln und fast beliebig auf die Mitglieder des jeweiligen Grundtyps verteilt sein können. Das im Fall A. garhi beobachtete Ausmaß ist jedoch durchaus erstaunlich. Gehören tatsächlich alle diskutierten Funde zu der einen Art A. garhi, dann besaß diese ein kleines Gehirn wie A. afarensis, Armproportionen wie der schwinghangelnde Orang-Utan, eine relative Beinlänge wie der zweibeinig aufrecht gehende Mensch und zudem die Fähigkeit, Steinwerkzeuge als Metzgermesser einzusetzen oder vielleicht sogar entsprechend zu behauen. Das würde mehrere bisherige Paradigmen der Paläanthropologie ins Wanken bringen. Die Beschreiber schlagen anstelle anderweitiger Anwärter, wie z.B. dem A. africanus aus Südafrika, ihre neue Art als direkten Vorfahren des Menschen vor. Doch auch Südafrika, das aus paläanthropologischer Perspektive in starker Konkurrenz zu Ostafrika steht, macht gerade mit neuen, älteren und ebenso aufregenden Funden Furore. Ein Teilskelett "Little Foot", das bisher noch nicht vollständig beschrieben wurde, bestätigt die sehr affenähnlichen Extremitäten-Proportionen von anderen A. africanus- und A. habilis-Formen. Ob sich eine der diskutierten Fossilformen als Vorfahr des Menschen überhaupt eignet, bleibt diskussionswürdig.

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