Lucys Großeltern - die ersten Urmenschen?

Autor/innen

  • Sigrid Hartwig-Scherer
    sg@wort-und-wissen.de (journal.primary_contact69a8290f4e084)
1995-11-01

Downloads

Das Forscherteam um Tim White aus Berkeley und seine Mitarbeiter aus Addis Abeba und Tokio, die seit 1992 in Äthiopien Grabungen durchführen, barg und beschrieb Überreste von etwa 17 Hominiden, die vor allem Zähne und Zahnbruchstücke und drei Armknochenfragmente umfassen (White et al. 1994). Weitere, noch nicht beschriebene Funde folgten 1994. Die Funde werden auf 4,4 Millionen Jahre geschätzt, wobei wegen einer Verunreinigung des zu datierenden Horizontes ein Umweg in der Datierung beschritten werden mußte. Während die Fossilien in der Originalarbeit als neue Art -Australopithecus ramidus sp. nov. - beschrieben wurde, haben inzwischen die gleichen Autoren die Funde aus Australopithecus ausgegliedert und eine neue Gattung - Ardipithecus - eingeführt (White et al. 1995). A. ramidus stellt nach ihren Beschreibern eine Schwestergruppe der Hominiden dar, d.h aller Australopithecinen und Menschen. Eine Reihe ursprünglicher Merkmale wird dieser neuen Form zugeordnet, die sie wesentlich schimpansenähnlicher macht als die mindestens 500.000 Jahre jünger datierte Form A. afarensis. Indirekt weisen Fragmente der Schädelbasis auf eine eher zentrale Position des Hinterhauptslochs hin, ein Merkmal, das mit dem aufrechten Gang in Verbindung gebracht wird. Da jedoch bislang nur Vordergliedmaßen beschrieben wurden, läßt sich - entgegen Meldungen in der Tagespresse - über die Fortbewegung kaum etwas aussagen. Brandneue Funde der letzten Grabungssaison von 1994 umfassen zwar Fragmente der Hintergliedmaßen, sind bis jetzt aber noch nicht analysiert worden. Diejenigen, die ein fossiles Verbindungsglied zwischen einem schimpansenähnlichen Vorfahren der Pan-Homo-Linie (Schimpanse - Mensch) und dem frühesten Vertreter der Hominidenlinie, etwa A. afarensis, suchen, betrachten diesen Fund mit einer gewissen Befriedigung. Die Form ist weder Hominide noch hundertprozentiger Menschenaffe - und stellt für viele das "missing link" dar. Für andere ist dieser Fund gleichermaßen verträglich mit der Vorstellung, daß Ardipithecus ramidus neben Australopithecus und Paranthropus zu einer Radiationsreihe plio-pleistozäner Menschenaffenformen gehörte, vorläufig als "Australomorphe" bezeichnet. Entsprechende, noch wesentlich lebhaftere Radiationen sind von den Menschenaffen des Miozäns bekannt. Es wäre deshalb nicht unerwartet, wenn ähnliche Radiationen auch im Plio-Pleistozän beobachtet würden.

Lesen Sie diesen Beitrag in folgenden Formaten

Am häufigsten gelesene Artikel dieses Autors

1 2 3 4 > >>