Geologisch älteste Fledermaus mit „modernem“ Aussehen

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  • Reinhard Junker
2025-12-22 — aktualisiert am 2025-12-27

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Abb. 1 (Introbild) Skelett des Paratyps von Icaronycteris gunnelli aus der Green-River-Formation. (Aus Rietbergen et al. 2023, CC0)

Die Fledertiere (Chiroptera) umfassen die Fledermäuse (Microchiroptera) und die Flughunde (Megachiroptera), sie sind die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Die Mittelhand- und die Fingerknochen außer dem Daumen sind verlängert und dienen als Gerüst für die Flughaut. Diese verläuft nach vorne von den ebenfalls verlängerten Armknochen weiter zum Hals und erstreckt sich weiter an der Körperseite entlang bis zu den Beinen und zwischen den Beinen. Die über 1.400 beschriebenen Arten bilden mit ca. 1/5 aller Säugetierarten die zweitgrößte Säuger-Ordnung, nur übertroffen von den Nagetieren. Sie sind fast weltweit verbreitet und ökologisch sehr vielseitig.

Die Fledermäuse sind sehr klar unterschieden von allen anderen Säugetiergruppen. Evolutionstheoretisch sollte man daher erwarten, dass der Weg ihrer Entstehung über viele Schritte erfolgen musste und dass der Fossilbericht davon Zeugnis gibt. Fledermäuse sind jedoch seit Beginn ihrer Fossildokumentation voll flugfähig und mit dem typischen Fledermausbauplan ausgestattet.

Unterschiede zu heutigen Formen betreffen nur untergeordnete Merkmale (Junker 2011). So besaß die 2008 entdeckte Art Onychonycteris finneyi („Krallen-Fledermaus“) im Unterschied zu anderen Fledermäusen Klauen an allen fünf Fingern sowie relativ kurze Vorderarme und relativ lange Hinterfüße (Simmons et al. 2008). In der Ypresium-Stufe des Eozän (zweite Serie des Tertiärs) ist eine ganze Reihe fossiler Fledermausarten in fast weltweiter Verbreitung fossil nachgewiesen worden, unter anderem in der berühmten Grube Messel bei Darmstadt. Die auf ca. 52 Millionen radiometrische Jahre datierten geologisch ältesten Formen stammen aus der Green-River-Formation in Wyoming/USA. Dazu gehören die oben genannte Art Onychonycteris finneyi sowie Icaronycteris index.

Im Jahr 2017 entdeckten Paläontologen in der Green-River-Formation eine weitere Art der Gattung Icaronycteris, die erst jetzt beschrieben wurde (Rietbergen et al. 2023). Wegen einiger Unterschiede zu den bisher gemachten Funden wurde eine neue Art, Icaronycteris gunnelli,aufgestellt (Abb. 1). I. gunnelliist kleiner als I. index, besaß an den ersten beiden Flügelgliedern Krallen und an den Flügelgliedern drei bis fünf ein winziges verknöchertes drittes Fingerglied. Die Flügel waren breit und die Hinterbeine kurz und robust. Diese Merkmalskombination war zuvor nicht beobachtet worden. Auch das Gebiss wies Besonderheiten auf, z. B. ist der untere Eckzahn groß und lanzettlich (Riet­bergen et al. (2023, 6) mit weiteren Details). Insgesamt, so stellen die Forscher fest, weisen die Fossilien von I. gunnelli weniger primitive Merkmale auf als die anderen Arten von Wyoming. Da eines der Exemplare in etwas tieferen Schichten als die bisher bekannten Arten gefunden wurde, gilt nun I. gunnellials geologisch älteste Fledermausart. Einmal mehr erweist sich damit die geologisch älteste Art einer Gruppe nach derzeitigem Kenntnisstand nicht als die primitivste.

Der neue Fund bestätigt das Bild vom plötzlichen fossilen Erscheinen voll ausgebildeter Fledermäuse. Die von Rietbergen et al. (2023) durchgeführten vergleichenden Analysen ergaben, dass Icaronycteris? menui aus Frankreich und I. sigei aus Indien nicht zur Klade (Gruppe) der Icaronycteridae gehören. Die Autoren fassen zusammen: „Insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass die Green-River-Fledermäuse eine eigenständige Chiroptera-Radiation basaler Fledermäuse darstellen und die Hypothese einer raschen Radiation von Fledermäusen auf mehreren Kontinenten während des frühen Eozäns zusätzlich unterstützen.“ Der Paläontologe Brock Fenton wird in Science News zitiert, dass wir nicht näher daran seien, zu wissen, aus welcher Art von Lebewesen sich Fledermäuse entwickelt haben, weil die neuen Funde so sehr den Skeletten heutiger Fledermäuse ähneln (Perkins 2023).

[Junker R (2011) Der Ursprung der Fledermäuse. Teil 1: Fossilien und der Flugapparat. Stud. Integr. J. 18, 17–25 • Perkins S (2023) Newfound bat skeletons are the oldest on record, https://www.sciencenews.org/article/new-bat-skeletons-oldest-fossils • Rietbergen TB et al. (2023) The oldest known bat skeletons and their implications for Eocene chiropteran diversification. PLoS ONE 18(4): e0283505 • Simmons NB, Seymour KL, Habersetzer J & Gunnell GF (2008) Primitive Early Eocene bat from Wyoming and the evolution of flight and echolocation. Nature 451, 818–822]


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