Eine katastrophische Hypothese: Die „Schneeball-Vereisung“ der Erde

Autor/innen

  • Manfred Stephan
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2004-11-01
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Die Hypothese der „Schneeball-Vereisung“ umfaßt in Grundzügen das folgende Szenario: Nach dem Zerfall des spätpräkambrischen Superkontinents Rodinia verteilten sich die Einzelkontinente sehr rasch in Äquatornähe; trockene Binnenlandregionen wurden so zu feuchten Küstenarealen. Infolge der verstärkten tropischen Niederschläge wurde wärmespeicherndes Kohlendioxid aus der Atmosphäre ausgewaschen; das führte zu schneller Verwitterung des Gesteins und einer weltweiten Abkühlung. Das sich in Polnähe bildende Meereis führte durch Reflektion der Sonnenstrahlung zu weiterem Absinken der Temperaturen. Diese sich zunehmend verstärkende Rückkoppelung bewirkt das komplette Zufrieren der gesamten Erde in nur 1000 Jahren („Schneeball-Erde“). Für die Dauer der „Schneeball“-Vereisung werden mehrere Millionen Jahre angenommen; in dieser Zeit soll die Ausgasung von Vulkanen zu einer enormen Kohlendioxidanreicherung in der Atmosphäre geführt haben. Daraus resultierte eine immer stärkere Erwärmung auf über 40 °C, zumal infolge des schmelzenden Meereises die Sonnenstrahlung nicht mehr reflektiert wurde. Das führte innerhalb von wenigen Jahrhunderten zu einem extremen Treibhausklima, verstärkend wirkte die zunehmende Verdunstung von Meerwasser. Das Kohlendioxid wurde dann durch wolkenbruchartige Regenfälle (gewaltige Hurrikane) aus der Atmosphäre ausgewaschen; die daraus entstandene Kohlensäure führte zu einer äußerst raschen Verwitterung des Gletscherschutts. Das Gemisch aus saurem Regen und z.T. kalkigem Gesteinsstaub wurde nun ins Meer gespült; im dortigen sauren Milieu führte die massive Ausfällung des Karbonats zu einer sehr raschen Ablagerung von zum Teil Hunderte Meter mächtigen Kalkabfolgen. Die Vermutung, daß der enorme Selektionsdruck dieser Umweltverhältnisse und/oder die Zunahme des Sauerstoffs während der „Schneeball“-Vereisung noch vor dem Kambrium zu einer ersten Entfaltung komplexeren Lebens geführt haben könnte, ist vage, spekulativ und unprüfbar. Bedeutsam ist, daß manche Forscher durch Geländebefunde zur Annahme (sehr) rascher und katastrophischer Abläufe geführt worden sind. Weiter ist der teils kritische Umgang zumindest mit einem enggeführten Aktualitätsprinzip im Rahmen wissenschaftstheoretischer Überlegungen bemerkenswert.

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